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Filme

Kompliment an die Jury

Sie hat in diesem Jahr weise die richtigen Entscheidungen getroffen - die Berlinale-Jury. Das war in der Vergangenheit nicht immer so. Diesmal aber bewiesen die Juroren richtiges Augemaß, kommentiert Jochen Kürten.

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Der Goldene Bär an den peruanischen Film "The Milk of Sorrow" steht in der Tradition früherer Entscheidungen, filmische Entdeckungen aus kleinen Kinonationen zu würdigen. Und das nicht nur, weil die ausgezeichneten Filme besonders exotisch gewesen sind, sondern weil sie auch formal etwas zu bieten hatten. Auch "The Milk of Sorrow" erzählt eine Geschichte, die für westliche Augen fremd erscheint mit bizarren Details und vor exotischer Kulisse. Regisseurin Claudia Llosa beweist mit ihrem Film aber auch formale Könnerschaft, Mut zur Langsamkeit und einen genauen Blick auf die Menschen.

Jochen Kürten Deutsche Welle

"Einen Bären für die Jury", fordert DW-Redakteur Jochen Kürten

Auch die Silbernen Bären weisen in diese Richtung. Die beste Regie ging an den Iraner Asghar Farhadi, als Hauptdarsteller wurde der in Mali geborene Sotigui Kouyate ausgezeichnet, als herausragende künstlerische Leitung wurde von der Jury zwei ungarischen Sounddesignern ein Bär zugesprochen, der Große Preis der Jury ging schließlich an den argentinischen Filmemmacher Adrián Biniez. Nicht die großen Filmnationen standen somit im Mittelpunkt des Preisregens zum Abschluss der 59. Berlinale - auch wenn Filme aus Deutschland und den USA ebenfalls Bären bekamen - sondern Länder, die es normalerweise schwer haben im alltäglichen Kinoalltag.

Immens wichtig


Warum das so ist? Natürlich auch, weil in diesen Ländern weniger Filme entstehen, weil weniger Geld für die Produktion zu Verfügung steht, weil es weniger Verleiher gibt, die sich mit diesen Kinoländern überhaupt beschäftigen. Aber eben auch, weil das Kino wie kaum eine andere Kunst Marktmechanismen gehorcht, von kommerziellen Strukturen beherrscht wird. Gerade deshalb ist so eine Festival wie die Berlinale auch so immens wichtig. Wichtiger übrigens als Cannes und Venedig, da gerade das Festival in Berlin im wahrsten Sinne des Wortes den Blick in alle Regionen der Welt öffnet und dazu dann auch das Publikum bittet.

Die Berlinale ist jedes Jahr ein Schaufenster der Welt, das zu Reisen in das peruanische Hochland, ans kaspische Meer oder in ein ganz normales Stadtviertel der Megametropole Buenos Aires einlädt. Trotz aller durchaus geglückten Anstrengungen der Festivalleitung, jedes Jahr möglichst viele Stars aus Hollywood nach Berlin auf den Roten Teppich zu holen, die Berlinale ist vor allem ein Festival der Filmkunst, der verschiedenen Filmnationen, der Kinovielfalt. Hier steht ein peruanischer Streifen mit völlig unbekannten Darstellern und Laien gleichberechtigt neben einer Michelle Pfeiffer und einer Demi Moore. Und ein Drama um eine ganz normale Gruppe junger Leute aus dem Iran neben Geschichten aus Hollywood oder Westeuropa.

Der genaue Blick


Dabei ist das auch in diesem Jahr wieder so vielbeschworene politische Kino gar nicht die wesentliche Essenz des Festivals. Zumindest ist es die falsche Bezeichnung für die allermeisten Filme des diesjährigen Wettbewerbs. Viel wichtiger und viel innovativer ist der genaue Blick der Regisseure auf die Menschen. Ist ein Film über den Leidensweg einer jungen Peruanerin denn nun ein politischer Film? Sind die Erlebnisse eines schüchternen jungen Sicherheitsangestellten in einem Supermarkt politisch? Und sind die verzweifelten Versuche junger Iraner, mit dem Unglück während eines Wochenendausflugs zurechtzukommen, nun Zeugnisse politischen Handelns? Wohl kaum. Dann wären wohl alle Werke irgendwie politisch. Einer der Filme in diesem Jahr, in dem es ganz konkret um Politik ging, Hans-Christian Schmidts "Sturm", ging übrigens leer aus!

Und doch haben Tilda Swinton und ihre Mitjuroren mit ihren Entscheidungen ein klares Bekenntnis abgelegt. Ein Bekenntnis für den engagierten Film, ein Plädoyer für ein Kino des genauen Beobachtens und Hinschauens. Ganz nebenbei haben sie mit der Nichtbeachtung der meisten Filme aus Hollywood und auch einiger anderer großer Namen aus Europa und Asien den Festivalmachern eine Botschaft mit auf den Weg gegeben. Die Botschaft lautet: Schaut noch genauer hin im nächsten Jahr auf die Regisseure, die wirklich etwas zu sagen haben, auf die Filmemacher, die vielleicht noch keinen großen Namen haben, dafür aber Talent, Mut und filmische Überzeugungskraft. Dafür und für ihre kluge Preisauswahl gebührt der diesjährigen Jury mindestens auch ein Bär!

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