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Reise

Kommt nach der Ostalgie die Westalgie?

Eine Ausstellung über Westberlin erlebt einen Ansturm. Die hippe C/O Galerie ist an den Bahnhof Zoo gezogen. Vorbei die Zeiten, in denen der Westen Berlins als piefig galt. Was steckt dahinter?

Wie sah das alte Café Kranzler aus? Und wann war das noch gleich, als die Fans der Rolling Stones die Waldbühne zerlegten? 25 Jahre nach dem Mauerfall schwelgt Berlin in der Erinnerung an den alten Westen der Stadt. Als im Radio noch der Rias, der Rundfunk im amerikanischen Sektor, lief und Männer dorthin vor dem Dienst in der Bundeswehr flüchteten.

Dabei ändert sich die Wahrnehmung: Die Bauten aus den 50er Jahren, die früher als hässlich galten, sind heute als Nachkriegsmoderne zum Motiv für Kalender geworden - oder zur Shoppingadresse, so wie das Bikini-Haus an der Gedächtniskirche.

Westberlin erstmals auch Thema beim Mauerfall-Jubiläum

Der Fotograf Will McBride vor einem seiner Bilder in der Galerie C/O Berlin. Foto: Tim Brakemeier/dpa

Der Fotograf Will McBride vor einem seiner Bilder in der Galerie C/O Berlin

Ging es in den vergangenen Jahren bei Jubiläen zum Mauerfall um die Wiedervereinigung und den Osten, so ist in diesem Herbst erstmals auch Westberlin in den Fokus gerückt. Die passende Ausstellung "Insel auf der Suche nach Festland" im Stadtmuseum Ephraim-Palais musste wegen Überfüllung zeitweise schließen. Und die C/O-Galerie, die gerade vom Osten in den Westen gezogen ist, zeigt als erstes im Amerika-Haus Fotos von Will McBride. In seinen Bildern hat er das Lebensgefühl im Nachkriegsberlin festgehalten: zwischen Schuttbergen, Milchbars und Strandbad Wannsee.

Die Westberlin-Ausstellung im Stadtmuseum reicht vom präparierten Pandabären Tjen Tjen, einem Geschenk von Bundeskanzler Helmut Schmidt an den Zoo, bis zum Westberliner Filz und der Künstlerszene. Und natürlich ganz zentral: die Mauer. Am Eingang steht die Lautsprecheranlage für das "Studio am Stacheldraht", mit dem der Senat bis 1965 an der Grenze Appelle Richtung Osten schickte. Ein Signal an die Besucher: Verklärt bloß nicht die alten Zeiten.

Internationale Resonanz auf die Wiederbelebung des Westens

Bikini Haus in Berlin. Foto: Peer Grimm/dpa

Bei Touristen beliebt: das Bikini-Haus an der Gedächtniskirche

Im Zuge der Ausstellung hat der Schauspieler Ilja Richter seinen ersten Dokumentarfilm vorgeführt. Darin geht es um das legendäre Kudamm-Hotel Bogota, das 2013 schließen musste. Richter kritisiert, wie in der Stadt mit geschichtsträchtiger Architektur umgegangen wird. "Wenn ich den Kurfürstendamm entlang spaziere, sehe ich eine Sünde nach der anderen." Dass dort alte Kinos als Konsumtempel genutzt werden, gefällt ihm überhaupt nicht. Die alten Zeiten will Richter dennoch nicht zurückhaben. "Berlin war noch nie so schön, so international, so kosmopolitisch wie jetzt", sagt er.

Ausstellungskurator Thomas Beutelschmidt erzählt, wie erstaunlich die Resonanz im Museum ist. Selbst das israelische Fernsehen interessiere sich für Westberlin. "Die ganze Konzentration ging ja nach dem Mauerfall in den Osten", sagt er. In den vergangenen vier, fünf Jahren sei das Pendel wieder zurückgeschlagen. "Man hat erkannt, was auch Westberlin wert war oder wert ist."

Den Begriff der Westalgie findet Beutelschmidt jedoch nicht passend. Zum einen habe es zwar eine Veränderung gegeben, aber keinen drastischen Systemwechsel wie im Osten. Zum anderen habe sich Westberlin in seinen letzten Jahren bis zur Wende nur noch um sich selbst gedreht. "Die friedliche Revolution hat die Mauer von der Ostseite eingedrückt und in gewisser Seite auch den Westen befreit."

Viele neue Publikationen über Westberlin
Der Historiker Hanno Hochmuth vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam verweist auf die vielen neuen Bücher und Bildbände über Westberlin. Der Markt habe hier ein nostalgisches Bedürfnis erkannt und befriedigt. Auch er sieht eine Nachholbewegung. Neulich habe er sogar im Bordmagazin eines Flugzeugs einen Artikel über Westberlin entdeckt.

Für Hochmuth ist der Westen - neben der Berliner Mauer und der NS-Geschichte - eine touristische Facette der Stadt geworden, die außerdem gut zu einem globalen Retrotrend passe. Darin finde sich nicht nur die Generation wieder, die in den 70er Jahren aufwuchs.

Caroline Bock (dpa)

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