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Sport

Kommt Lance Armstrongs Befreiungsschlag?

Das große Geständnis oder doch nur neue Dementis? Lance Armstrong plant einen Auftritt in der US-Talkshow von Oprah Winfrey. Packt er dort tatsächlich aus, drohen dem Radsport weitere bittere Erkenntnisse.

Lance Armstrong (Foto: reuters)

Lance Armstrong

Es ist einsam geworden um den gefallenen Radstar Lance Armstrong. Erst verrieten ihn die ehemaligen Weggefährten an die Doping-Ermittler, dann zogen sich seine zahlreichen Sponsoren zurück und schließlich ging sogar seine eigene Krebs-Stiftung auf Distanz zu ihm. Längst ist es Zeit für einen Befreiungsschlag - und die Anzeichen dafür verdichten sich. Armstrong tritt am 17. Januar in der Talkshow von US-Starmoderatorin Oprah Winfrey auf und soll dort auch auf Fragen zu den Doping-Enthüllungen antworten. Nach Informationen der US-Zeitung "USA Today", die sich auf eine anonyme Quelle stützt, will Armstrong tatsächlich Doping gestehen, allerdings ohne Details zu nennen.

Der Sender OWN, auf dem Winfreys Show läuft, schreibt auf seiner Internetseite, Armstrong werde sich äußern: zu den jahrelangen Anschuldigungen, er sei ein Betrüger, und den Vorwürfen, er habe gelogen über den Gebrauch leistungssteigernder Mittel während seiner Radrennfahrerkarriere. Die 90-minütige Talkshow wird der erste öffentliche Auftritt Armstrongs nach seiner lebenslangen Sperre wegen Dopings.

Geheimes Treffen mit USADA-Chef?

Um den ehemaligen siebenfachen Toursieger war es zuletzt ruhiger geworden. Weder setzte er sich wie früher aggressiv gegen Dopinganschuldigungen zur Wehr, noch teilte er wie gewohnt via Twitter gegen seine Kritiker aus. Stattdessen lasen seine gut 3,8 Millionen "Follower" auf dem Kurznachrichtendienst, dass Armstrong hier ein paar Kilometer im Hallenbad schwamm, dort eine Radtour auf Hawaii machte. Tut Armstrong also, als sei nichts gewesen? Vielleicht nur in der Öffentlichkeit.

Lance Armstrong im Gelben Trikot (Foto: dpa)

Aus sieben wurden null: Lance Armstrong verlor alle Toursiege wegen Dopings. Kommt jetzt das Geständnis?

Denn hinter den Kulissen scheint Armstrong seine Optionen zu sondieren. Kürzlich berichteten die US-Zeitungen "New York Times" und "Los Angeles Times" übereinstimmend, der gesperrte Sportler denke über ein Geständnis nach. Indizien dafür sind Gerüchte aus Armstrongs Umfeld sowie ein Treffen Armstrongs mit dem Chef der US-Anti-Doping-Behörde (USADA) Travis Tygart, der ihn des Dopings überführte. Offiziell bestätigt wurde das Treffen von Armstrongs Anwälten aber nicht.

190.000-Euro-"Spende" an USADA

Bei dem Treffen könnte es aber auch um einen weiteren Punkt gegangen sein: Wie Tygart jetzt in der US-TV-Sendung "60 Minutes Sport" enthüllte, soll der ehemalige Radprofi versucht haben, rund 190.000 Euro an die USADA zu spenden. Tygart betont, dass ein Vertreter Armstrongs seiner Agentur im Jahr 2004 die Summe offeriert habe. "Ich war perplex. Für die USADA war das ein klarer Interessenkonflikt. Wir haben nicht gezögert, das Angebot abzulehnen."

Dass Armstrong mit solchen Mitteln arbeitete, kann als gesichert gelten. 2002 überwies er knapp 100.000 Euro an den Welt-Radsportverband UCI – angeblich als Spende für den Anti-Doping-Kampf, wie UCI-Präsident Pat McQuaid auch heute noch behauptet. USADA-Chef Tygart machte in "60 Minutes Sport" klar, wie groß der Druck auf ihn war: Er habe während der Armstrong-Untersuchungen anonyme Morddrohungen erhalten.

Armstrong drohen Millionenforderungen

Jetzt, da die Wahrheit über Lance Armstrongs Doping-System auf 1000 Seiten von der USADA hinlänglich dokumentiert ist, stellt sich eine andere Frage: Was passiert bei einem Geständnis Armstrongs? Für ihn selbst wäre es vielleicht ein persönlicher Befreiungsschlag. Immer wieder berichteten Ex-Doper über die schwere Last, die das jahrelange Lügen bedeute. Ob die Öffentlichkeit sein dann reichlich spätes Eingeständnis würdigt, ist zweifelhaft und vor allem finanziell hätte ein Coming-out gravierende Folgen. Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe kämen auf Armstrong zu und möglicherweise auch ein Verfahren wegen Meineids. Denn Armstrong behauptete in früheren Verhandlungen unter Eid nie gedopt zu haben.

Oprah Winfrey (Foto:Michael Conroy/AP/dapd)

Empfängt Armstrong mit offenen Armen: Oprah Winfrey. Aber wird sie ihn auch zum Geständnis bringen?

Und der Radsport? Dem droht "ein Sabbatjahr", meint zumindest Ex-Profi und Doping-Kronzeuge Jörg Jaksche. "Eine umfassende Beichte hätte weitreichende Folgen für den Weltverband UCI und die Tour-de-France-Organisation ASO. Armstrong hatte Einfluss in die höchsten politischen Kreise", sagte Jaksche der Presseagentur dpa.

Holczer: "Das wird einen Erdrutsch geben"

Auch Hans-Michael Holczer, ehemaliger Chef der Teams Gerolsteiner und Katjusha und derzeit Berater des russischen Radsportverbands, sagte im DW-Interview, Armstrong könne "Dinge ans Licht bringen, von denen wir nur eine Vermutung haben. Ich glaube, wenn er wirklich Personen nennt, Netzwerke nennt, Mannschaften aufdeckt, dann muss sich der Radsport von Grund auf neu organisieren. Das wird einen Erdrutsch geben, wie wir ihn noch nie gehabt haben." Allerdings habe er erhebliche Zweifel, dass Armstrong wirklich umfassend gesteht. Holczer sieht Armstrongs Auftritt bei Winfrey eher als "eine PR-Aktion", die der "Imagekorrektur" diene.

Geständnis, Teilgeständnis oder nur Imagekorrektur - Armstrong könnte den Weltradsportverband UCI, der sich jüngst von ihm distanzierte, schwer belasten. Man darf also davon ausgehen, dass dessen Präsident Pat McQuaid am 17. Januar Oprah Winfrey einschalten und genau zuhören wird.

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