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Fokus Osteuropa

Kommt die Wahrheit im Fall Gongadse nun ans Licht?

Die Ermordung des Journalisten Gongadse im Herbst 2000 stürzte die Ukraine in eine tiefe Krise. Der mutmaßliche Mörder steht nun vor Gericht. Doch Beobachter glauben, dass die Drahtzieher ungestraft davon kommen.

Der getötete Journalist Gongadse

Der getötete Journalist Gongadse

Den Namen des Journalisten Georgij Gongadse kennt inzwischen jeder in der Ukraine. Straßen tragen seinen Namen, der Fall steht in den Geschichtsbüchern. Die Ermordung des regierungskritischen Journalisten vor elf Jahren habe eine große Krise in der ukrainischen Politik ausgelöst und die Gesellschaft tief bewegt, sagt Georgij Kassjanow, Professor für Geschichte an der renommierten Kiewer Mohyla-Akademie.

Aus seiner Sicht hat der Prozess, der am Donnerstag (07.07.2011) in Kiew beginnt, eine historische Dimension. Auf der Anklagebank sitzt Oleksij Pukatsch, ein ehemaliger General der ukrainischen Polizei. Ihm droht lebenslange Haft. Dem 58-Jährigen wird vorgeworfen, im September 2000 den Journalisten Gongadse mitten in der ukrainischen Hauptstadt entführt und später in einem nahe gelegenen Waldstück mit einem Gürtel erdrosselt haben. Seine drei Komplizen, darunter ehemalige Polizisten, wurden bereits gefasst und zu langen Haftstrafen verurteilt.

Wer steckt hinter dem Mord an Gongadse?

Ex-Präsident Kutschma (Foto: AP)

Ex-Präsident Kutschma

Doch was sind die Hintergründe der Tat? Von wem kam die Order, den unbequemen Journalisten aus dem Weg zu räumen? Gongadse war Chefredakteur der regierungskritischen Internetzeitung "Ukrainska Prawda" und beileibe nicht der einzige Journalist, der gewaltsam ums Leben kam. Dass ausgerechnet seine Ermordung die Ukraine erschütterte, liegt daran, dass kurz nach der Tat geheime Tonaufzeichnungen auftauchten, die angeblich aus dem Büro des damaligen Präsidenten Leonid Kutschma stammen. Zu hören ist, wie eine dem Präsidenten ähnliche Stimme sich über Gongadse beschwert und darüber spricht, ihn loszuwerden. Das Wort "Töten" fällt allerdings nicht. Die Echtheit der Aufzeichnungen ist umstritten.

Fakt aber ist, dass die Ukrainer, als sie von der möglichen Verstrickung erfuhren, zu Tausenden auf die Straße gingen und den Rücktritt des autoritären Präsidenten forderten. Doch der Präsident bestritt alle Vorwürfe und blieb an der Macht – bis zur so genannten Orangenen Revolution von 2004.

Der mutmaßliche Täter, Polizeigeneral Pukatsch, wurde nach der Tat gefasst, dann aber wieder freigelassen. Daraufhin tauchte Puktasch unter - bis zu seiner erneuten Festnahme im Sommer 2009. Jetzt landet der Fall vor Gericht, doch viele fragen sich, warum sich die ukrainische Justiz so lange Zeit gelassen hat. Valentina Telytschenko vertritt die Witwe Gongadses vor Gericht. Sie mutmaßt, die Justiz versuche bewusst, die Ermittlungen in diesem brisanten Fall zu verzögern. Jahrelang sei vertuscht und gelogen worden, Beweismittel wurden vernichtet, Ermittlerteams ausgewechselt.

Viele sind skeptisch, dass nun die Wahrheit ans Licht kommt. Serhij Leschtschenko ist Journalist der Online-Zeitung „Ukrainska Prawda“, die von Gongadse gegründet wurde. Er findet es nicht richtig, dass das Gerichtsverfahren hinter geschlossenen Türen stattfinden wird. „Das war der größte Mordfall in der Geschichte der unabhängigen Ukraine." Das Interesse der Gesellschaft habe eine höhere Priorität als polizeiliche Geheimnisse.

Ein Verstorbener als Sündenbock?

Ein Verstorbener als Sündenbock? Ex-Innenminister Krawtschenko (Foto: AP)

Ein Verstorbener als Sündenbock? Ex-Innenminister Krawtschenko

Die zentrale Frage lautet: Wer gab den Auftrag zur Ermordung Gongadses? Der Angeklagte Pukatsch hat seine Schuld bereits zugegeben und den ehemaligen ukrainischen Innenminister Jurij Krawtschenko als unmittelbaren Auftraggeber genannt. Der aber kann nicht befragt werden, denn er wurde 2005 mit zwei Kugeln im Kopf in seinem Haus tot aufgefunden. Selbstmord – erklärten damals die Ermittler.

Pukatsch sagte während der Ermittlungen, Krawtschenko solle Äußerungen von Ex-Präsident Kutschma als versteckte Weisung interpretiert haben. Diese Version hält Serhij Leschtschenko für glaubwürdig. „Meine persönliche Meinung ist, dass Pukatsch den Mordauftrag vom Innenminister ausgeführt hat, der wiederum dies als Wunsch des Präsidenten interpretiert hatte. Hätte Kutschma nichts gesagt, wäre Gongadse nicht getötet worden.“

Doch warum musste ein Journalist sterben, der zwar regierungskritisch war, dessen Online-Zeitung aber kaum Einfluss auf die öffentliche Meinung in der Ukraine hatte? Es halten sich hartnäckig Vermutungen, dass ausländische Geheimdienste ihre Hände im Spiel haben sollen. Der Journalist Leschtschenko hält das aber für unzutreffend und meint, dass es sich beim sogenannten Gongadse-Gate um eine rein innenpolitische Angelegenheit handelt.

"Verfahren gegen Kutschma ist ein Bluff"

Und Kutschma? Der Ex-Präsident ist inzwischen wegen Amtsmissbrauch angeklagt. Ihm wird vorgeworfen, die Ermordung Gongadses beauftragt zu haben. Er selbst bestreitet nach wie vor die Vorwürfe. Doch dass Kutschma zur Rechenschaft gezogen wird, daran zweifelt die Anwältin der Witwe Gongadses, Valentina Telytschenko: "Man kann über eine Aufklärung des Verbrechens im Fall Gongadse erst dann sprechen, wenn die Rolle des ehemaligen Präsidenten Kutschma geklärt ist", sagt sie.

Auch der Historiker Kassjanow glaubt nicht daran, dass sich die Hintermänner des Gongadse-Mordes verantworten müssen. Er nennt das Verfahren gegen Kutschma eine PR-Aktion. "Es soll zeigen, dass die ukrainische Regierung das Gesetz über alles stellt, was natürlich ein Bluff ist.“ Auch Telytschenko hält das Ermittlungsverfahren gegen Kutschma für einen Versuch, Gerechtigkeit vorzutäuschen.

Autor: Roman Goncharenko

Redaktion: Birgit Görtz