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Kunst

Kommt die Sammlung des persischen Schahs nach Berlin? Deutschlands Diplomatie droht ein Rückschlag

Es wäre eine Sensation: Die Berliner Gemäldegalerie plant eine exklusive Ausstellung mit Werken aus dem Besitz der Schah-Familie. Doch die Mullahs zögern. Muss jetzt noch das iranische Parlament zustimmen?

Duane Hanson arrangiert zwei lebensgroße Boxer zu einer Kampfszene. Jackson Pollocks abstraktes Bild "Mural on Indian Red Ground" gesellt sich zu einer Arbeit von Jalil Ziapoor, die eine Menschenfigur hinter Gittern zeigt: Wer dieser Tage auf die Website der Berliner Gemäldegalerie geht, erhält einen Vorgeschmack auf das, was kommen könnte: 60 Werke aus dem Teheraner Museum für zeitgenössische Kunst, viele davon millionenschwer, einst zusammengekauft von Farah Diba, der Frau des iranischen Schahs Mohammed Reza Pahlevi. "Wir sind startklar", heißt es bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Doch ob die Sammlung wirklich an die Spree kommt, ist offen.

Jackson Pollock: Mural on Indian Red Ground, 1950 (Tehran Museum of Contemporary Art/Pollock-Krasner Foundation/VG Bild-Kunst)

Jackson Pollock

Geplant war die Eröffnung für Anfang Dezember 2016. Nach der Auswechslung des iranischen Kulturministers fehlt aber noch die Unterschrift auf dem Ausstellungsvertrag, wie Gemäldegalerie-Sprecher Markus Farr der DW bestätigt. Präsident Rohani habe das Projekt zur Chefsache gemacht. "Wir hören, dass auch das Parlament noch zustimmen müsse", sagte Hermann Parzinger, Chef der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Wochenzeitung "Die Zeit". Jetzt laufen die diplomatischen Drähte zwischen Berlin und Teheran heiß. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat den Verzug bereits in einem Brief angemahnt.

Gibt es im Iran Streit um die Ausstellung?

Über die Hintergründe der Verzögerung kann nur spekuliert werden. Offenbar ist das Ausstellungsprojekt im Iran zu einem innenpolitischen Zankapfel geworden. "Die Konservativen betrachteten die Sammlung als iranisches Kulturerbe, das gar nicht reisen dürfe, andere warnten vor der Heimtücke des Westens, der die Bilder behalten könnte", zitiert die Süddeutsche Zeitung Andreas Görgen, den Abteilungsleiter Kultur im Auswärtigen Amt: "Die Sammlung wurde politisiert." Noch vor einem Jahr war Bundesaußenminister Steinmeier von einer Iran-Reise mit der sensationellen Ausstellungsankündigung zurückgekehrt. Seit jeher setzt Steinmeier auf Kulturaustausch als diplomatisches Mittel, die Teheran-Ausstellung sollte – nach dem Abschluss des Atomabkommens mit dem Iran - einen Neubeginn im deutsch-iranischen Verhältnis markieren. Ein Scheitern wäre ein herber Rückschlag.

USA PK Hassan Rohani (picture-alliance/dpa/J. Lane)

Irans Präsident Hassan Rohani

Enttäuscht über eine Absage aus dem Iran wäre wohl vor allem Joachim Jäger, der Kurator der Berliner Gemäldegalerie. Nach monatelangen Vorbereitungen hat er die Exponate im "Teheran Museum für Zeitgenössische Kunst" (TMoCA) ausgesucht - 60 Werke insgesamt, darunter Schlüsselarbeiten westlicher Künstler wie Jackson Pollock, Mark Rothko, Francis Bacon oder Max Ernst - und ergänzt um Künstler der iranischen Moderne wie Faramarz Pilaram, Mohsen Vaziri Moghadam oder Behjat Sadr. "Unsere Idee ist es", so Jäger, "die Sammlung des Teheraner Museums zu porträtieren." Eine Werkliste zur Berliner Schau will er zeitnah präsentieren.

Mullahs verbannten die Sammlung ins Depot

Ägypten Farah Diba Frau des Schahs von Persien (Getty Images/AFP/K. Desouki)

Farah Diba, Witwe des letzten Schahs von Persien

Museumsdirektoren aus aller Welt hatten seit Jahren vergeblich um Leihgaben aus der Teheran Sammlung gebuhlt. Auch das macht den Sensationsgehalt des Berliner Vorhabens aus: Farah Diba, die Gattin des Schahs und ehemalige Kaiserin von Persien, hatte die millionenschwere Sammlung zusammengekauft. Nach dem Sturz des Schahs und der islamischen Revolution 1979 verbannten die Mullahs die Werke zunächst ins Depot. Nur vereinzelt waren Arbeiten im Westen zu sehen. Die komplette Kollektion wurde erstmals 2005 in Teheran wieder öffentlich gezeigt. "Der Katalog musste mehrfach nachgedruckt werden", erinnert sich David Galloway, der von 1977 bis 1978 Chefkurator in Teheran war und damit Chefeinkäufer der Schah-Gattin.

Einen ähnlichen Besucheransturm könnte die Sammlung jetzt auch in Berlin auslösen, glaubt der in Wuppertal lebende Amerikaner Galloway. Eine Brückenfunktion zwischen iranischer und deutscher Kultur - wie von Steinmeier erhofft - schreibt er der Teheran-Ausstellung gleichwohl nicht zu. Der Schau fehle die Substanz. "Die Sammlung kann nicht das aktuelle iranische Kunstgeschehen abbilden, weil sie ja 1978 abbricht. Was soll daran eine Brücke sein?" Das Berliner Projekt sei immerhin ein Anfang. "Aber wir brauchen eine große, umfangreiche, spannende Ausstellung zeitgenössischer persischer Kunst", betont Galloway.

Jalil Ziapoor: Autumn leaf, 1960 (Tehran Museum of Contemporary Art)

Eine Arbeit von Jalil Ziapoor

Diese Lücke füllt, wie es scheint, das kulturelle Begleitprogramm, das derzeit das Goethe-Institut vorbereitet. Unter dem Titel "Die iranische Moderne" präsentieren die Organisatoren Nikolai Blaumer und Florian Bigge Beiträge von 27 iranischen und 15 exil-iranischen Künstlern, darunter Musiker, Filmemacher und Literaten. "Die lange Isolation ihres Landes hat in der iranischen Gesellschaft viel Schaden angerichtet", sagt Bigge, "jetzt sind viele Künstler hungrig auf einen Dialog mit der Welt." Es gebe viel Hoffnung auf Veränderung. Selbst die Festnahme des iranischen Filmemacher Keywan Karimi wegen eines Dokumentarfilms über Graffitis könne daran wenig ändern. "Die Künstler arbeiten weiter", sagt Bigge, "und leben mit der Ungewissheit".

 

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