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Wirtschaft

Kommentar: Zweite Chance für Nabucco

Der Poker um künftige Gasströme im Südosten Europas geht in eine neue Runde. Durch den Stop des South-Stream-Projekts haucht Russlands Präsident Putin einem totgeglaubten EU-Vorhaben neues Leben ein, meint Andrey Gurkov.

Die Gaspipeline Nabucco soll reanimiert werden! Darauf haben sich der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev und der bulgarische Ministerpräsident Boiko Borisow jüngst in Sofia verständigt. Es geht um ein von der EU unterstütztes Vorhaben, das Moskau seinerzeit mit Vehemenz - und mit Erfolg - torpediert hat. Doch nun ergibt sich plötzlich die Situation, dass ausgerechnet der russische Präsident Wladimir Putin dem bereits totgeglaubten Infrastrukturprojekt neues Leben einhaucht - und der Staatskonzern Gazprom sogar zu einem der größten Nutznießer dieser Wiederbelebung werden könnte.

Der Poker um das kaspische Gas

Nabucco ist Moskau bislang stets ein Dorn im Auge gewesen, denn diese Pipeline war ein offensichtlicher Konkurrent zum russischen South-Stream-Projekt. Man muss sich allerdings der Chronologie bewusst sein: Nabucco war zuerst da, denn der österreichische Energiekonzern OMV nahm bereits im Jahre 2002 dieses Projekt in Angriff, das Lieferungen von Erdgas aus den Anrainerstaaten des Kaspischen Meeres unter Umgehung von Russland gewährleisten sollte. Um das zu verhindern, konterte der Kreml 2006 mit der Idee der South-Stream-Pipeline, die in der EU praktisch durch dieselben Länder verlaufen sollte: Bulgarien, Ungarn, Österreich.

Das Nabucco-Projekt hat dieser Konkurrenz vor allem deshalb nicht standhalten können, weil seine Initiatoren es nicht geschafft hatten, genügend Gas für eine solch große Pipeline vorzuweisen. Ihr waren lediglich die aserbaidschanischen Vorkommen sicher. Lieferungen aus Turkmenistan, dem Iran und dem Irak blieben aus diversen Gründen nur vage Optionen. Russland konnte dagegen mit gesicherten Volumina auftrumpfen.

So wurde zuerst die ursprüngliche Idee einer langen Nabucco-Pipeline, die an der Ostgrenze der Türkei beginnen und bis nach Österreich führen sollte, verworfen. Das aserbaidschanische Gas wird nun über das ganze türkische Territorium bis an die EU-Grenze (Griechenland und Bulgarien) durch die Transanatolische Pipeline (TANAP) geleitet werden, deren Bau jetzt beginnt. Für die Weiterleitung dieses Gases standen zwei mögliche Pipeline-Projekte zur Auswahl: die verkürzte Nabucco-West, die an der bulgarisch-türkischen Grenze beginnen sollte, und die Transadriatische Pipeline (TAP), die über Griechenland, Albanien und die Adria bis nach Italien verlaufen soll.

Eine willkürliche Entscheidung von Wladimir Putin

Aserbaidschan und seine Partner entschieden sich im Sommer 2013 für die TAP, was dem endgültigen Aus für Nabucco gleichkam. Doch am 1. Dezember 2014 verkündete Wladimir Purin während eines Besuchs in der Türkei überraschend das Ende der South Stream - er war verärgert, weil Brüssel seinem Lieblingsprojekt keinen Sonderstatus eingeräumt und auf Einhaltung der EU-Gesetze gepocht hatte. Der Kreml hat Gazprom nun angewiesen, weiter südlich die gleichgroße Turkish Stream zu verlegen.

DW Russische Redaktion Hörfunk Andrey Gurkov

DW-Wirtschaftsredakteur Andrey Gurkov

Das Problem dieser willkürlichen Entscheidung besteht darin, dass es dort, wo diese Pipeline enden soll, nämlich an der türkisch-griechischen Grenze, überhaupt keine EU-Infrastruktur gibt, um solche Mengen russischen Gases (50 Milliarden Kubikmeter pro Jahr) entgegenzunehmen. Das macht Gazprom zusehends nervös. Und so forderte Konzernchef Alexej Miller im Januar fast ultimativ von den Europäern, sie sollten schnellstens mit dem Aufbau eines entsprechenden Transportsystems beginnen, denn viel Zeit bliebe ihnen nicht mehr. Spätestens da wurde klar, dass man die Nabucco-West-Pläne wieder aus dem Archiv holen sollte: Denn das ist das einzige Projekt, dessen Planungsstand und Kapazität ausreichend für diese Aufgabe sind.

Ein mögliches Szenario

Mit etwas Phantasie kann man sich nun folgendes Bild ausmalen: In vier bis fünf Jahren entsteht im Westen der Türkei in der Nähe der griechischen und bulgarischen Grenze ein riesiger Umschlagplatz für Erdgas. Hier enden die TANAP und die weitaus größere Turkish Stream. Gleichzeitig beginnen hier die TAP und die wiederum weitaus größere Nabucco-West. Diese beiden Pipelines sind entsprechend der EU-Gesetzgebung für alle Lieferanten offen, und so fließt aserbaidschanisches und russisches Gas nach Westen bzw. Nordwesten sowohl durch die eine als auch durch die andere.

Mit solch einer Lösung wäre allen gut bedient: Aserbaidschan und Russland bekämen eine leistungsfähige Infrastruktur für ihre Gaslieferungen. Die Türkei würde einen Energieknotenpunkt unterhalten, der in Zukunft auch für Turkmenistan, den Iran und den Irak interessant sein könnte. Griechenland, Bulgarien und mehrere andere Länder würden Transitgebühren kassieren. Und die EU als Ganzes hätte in dieser Region endlich die langersehnte Diversifizierung von Lieferquellen und Transportwegen erreicht. Das wäre doch mal ein schönes Beispiel von internationaler Wirtschaftskooperation!

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