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Deutschland

Kommentar: Zuwanderung - Was wir brauchen, was wir fürchten

465.000 Menschen kamen 2013 nach Deutschland - dauerhaft. So viele wie noch nie. Wir sind attraktiv, sagt die Bundeskanzlerin. Plötzlich sind wir Einwanderungsland. Und das ist gut so, meint Volker Wagener.

Es ist erst ein paar Jahre her, da hatten deutsche Medien ein Thema für ihre Deutschland- und Reportage-Seiten entdeckt: das Weggehen aus Deutschland. 175.000 Deutsche kehrten 2009 der Heimat den Rücken. Handwerker zog es nach Kanada, Akademiker in die USA, Gastronomen nach Südafrika. Und auch das europäische Ausland war Sehnsuchtsort. Vor allem für Ärzte. Die gingen scharenweise nach Norwegen, England, in die Schweiz. Wegen der Arbeitsbedingungen und natürlich des Geldes wegen. Fernsehsender entwickelten aus diesem Phänomen gleich ein Format. Mit der Kamera die Auswanderer begleiten und teilnehmen an Gefühlen und Problemen beim Weggehen aus der Heimat und Ankommen in der Fremde. Ein Thema von gestern.

Deutschland, der Krisengewinner

Das Thema von heute heißt Ankommen in Deutschland. Jeder Dritte, der innerhalb der EU das Aufenthaltsland wechselt, kommt nach Deutschland. 2007 war es nur jeder siebte. Ein Phänomen! Zu einer Zeit, da vor allem im politisch konservativen Lager das Begriffspaar "Einwanderungsland Deutschland" noch mit Händen und Füßen in Abrede gestellt wurde, zieht der deutsche Arbeitsmarkt Hunderttausende geradezu magnetisch an. Es ist die große Finanz- und Schuldenkrise seit 2008, die den Zuzug nach Deutschland massiv forciert.

Deutsche Welle Volker Wagener Deutschland Chefredaktion REGIONEN

DW-Redakteur Volker Wagener

Und es sind nicht in erster Linie die Griechen, Portugiesen und Spanier, die in Scharen kommen, es sind vor allem Mittel- und Osteuropäer. Und sie finden überwiegend Arbeit. Von wegen "Sozialtouristen". Industrie und Mittelstand bekommen endlich die qualifizierten Facharbeiter, die sie brauchen. Ein Boom zum Segen der Einwanderer, als auch der heimischen Wirtschaft ganz ohne Multikulti-Getue.

Die Wirtschaft braucht Zuwanderung

Es war und ist die robuste Konjunktur der deutschen Wirtschaft, die aufnehmen konnte, was seit 2008 in Süd-, Ost- und Mitteleuropa krisenbedingt an Jobs verloren ging. Aber nicht nur Masse kam, es ist nun auch Klasse im Wettbewerb. Noch vor sechs Jahren konnten nur 27 Prozent aller Einwanderer einen hohen Bildungsabschluss vorweisen, inzwischen sind es schon 40 Prozent. Das beschleunigt Integration. Kein Wunder, dass die Quote der Einwanderer mit Job nur knapp unter der der Gesamtbevölkerung liegt. Die beste Willkommenskultur ist offensichtlich die Konjunktur.

Hinzu kommt eine Professionalisierung der deutschen Einwanderungspolitik. Nicht nur die Politik, auch Industrie- und Handelskammern, ja sogar Städte und Gemeinden suchen gezielt nach Fachkräften im Ausland. Vor allem in Europa. Fachkräftezuwanderung wird mit öffentlichen Mitteln gefördert, zum Beispiel aus dem "MobiPro-EU-Programm", welches speziell für Jugendliche in Südeuropa aufgelegt wurde. Das Programm ist inzwischen gestoppt: wegen zu großem Erfolg! Rund 9.000 junge EU-Bürger wollten kommen, weit mehr als erwartet.

Das Getue um die Willkommenskultur

Deutschland verändert sich rasant. Joachim Gauck, der Bundespräsident, spricht schon von einem "neuen deutschen Wir". Doch Vorsicht! Der frische Glanz der dem Sehnsuchtsort Deutschland anhaftet, ist vor allem das Ergebnis von Angebot und Nachfrage. Die starke deutsche Wirtschaft braucht qualifizierten Zuzug und bekommt ihn, weil halb Europa unter der Krise ächzt. Aber wehe, wenn die Konjunktur erlahmt.

Deutschland als Einwanderungsland akzeptieren heißt vor allem, Zuzug auch in Jahren ökonomischer Talfahrt nicht in Frage zu stellen. Wenn Industrie, Handel und Mittelstand Jobs streichen, statt Bewerber suchen, wird sich zeigen, ob Deutschland sich auch mental als Einwanderungsland empfindet. Mit frommen Willkommens-Ritualen ist es dann nicht getan, wenn wieder das böse Lied von der Überfremdung gesungen wird. Dann sollten wir uns alle vergegenwärtigen, dass wir erstens allein aus demografischen Gründen dauerhaft Zuwanderung brauchen und zweitens inzwischen rund 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund bei uns leben. Will heißen, wir sind schon längst was noch nicht alle realisiert haben: ein klassisches Einwanderungsland.

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