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Kommentar zur Taskforce: Den Mund zu voll genommen

Die Taskforce zum "Schwabinger Kunstfund" geht. Ihr Scheitern zeigt, dass Schnellschüsse in der Politik zu nichts führen, meint DW-Redakteur Stefan Dege.

"Taskforce"- dieser Titel klang entschlossen, kompetent und schlagkräftig. Als ein Akt beherzter Politik sollte die Berufung des Expertengremiums vor zwei Jahren erscheinen. Ihr Auftrag: herauszufinden, welche der Kunstwerke von Nazi-Schergen gestohlen wurden, welche Bilder Menschen gehörten, die vom NS-Regime verfolgt wurden. Die Zeitschrift "Focus" hatte zuvor ans Licht gebracht, dass die bayerische Justiz die rund 1300 Werke zählende Sammlung von Cornelius Gurlitt in seiner Münchner Wohnung beschlagnahmt hatte. Die rechtlich fragwürdige Aktion wurde unter der Decke gehalten, peinlich genug. Nun bestand Handlungsbedarf. Es galt den Eindruck zu zerstreuen, Deutschland wolle keine Aufklärung in Sachen NS-Raubkunst.

Die Absicht war ehrenwert. Doch hat die Politik den Mund zu voll genommen. Mit der Bezeichnung des Forscher-Gremiums stellten sich die Bundesregierung und die bayerische Landesregierung selbst ein Bein. Für die Provenzienzforscher hängten sie die Messlatte hoch und weckten Erwartungen. Vor allem bei den - in aller Welt verstreuten - Erben rechtmäßiger Eigentümer keimte Hoffnung auf baldige Rückgabe ihrer Kunstwerke auf. Nun zeigt sich: Gewissenhafte Provenzienzforschung lässt sich nicht über Nacht erledigen. Sie folgt eigenen Gesetzen. Sie dauert. Die Enttäuschung war programmiert.

Denn das Ergebnis der Taskforce fällt, gemessen an den Erwartungen, mager aus. Nur fünf von insgesamt 499 raubkunstverdächtigen Werken konnte das Gremium zweifelsfrei als NS-Raubkunst identifizieren. Vier davon wurden an die Erben der einstigen Eigentümer zurückgeben. Die bekanntesten sind die "Zwei Reiter am Strand" von Max Liebermann und die "Sitzende Frau" von Henri Matisse. Eine Aufklärungsquote von einem Prozent. Da hilft auch nicht der Hinweis von Taskforce-Leiterin Ingeborg Berggreen-Merkel, zu sämtlichen Werken aus dem Münchner Bestand seien die Grundrecherchen abgeschlossen. Das Material stehe nun für weiterführende Recherchen zur Verfügung.

DW-Redakteur Stefan Dege

DW-Redakteur Stefan Dege

Aus Sicht der Naziopfer ist und bleibt Deutschland das "Land der Täter", auch 70 Jahre nach Kriegsende. Daraus erwachsen Verpflichtungen. So ist nur folgerichtig, dass die Kunstforscher der Taskforce ihre Nachforschungen jetzt fortsetzen. Das geschieht unter dem Dach des neugegründeten Deutschen Zentrums Kulturgutverluste in Magdeburg, mit demselben Personal, mit der einmal gewonnenen Expertise. Und hoffentlich auch transparenter: Denn bei der Taskforce blieben die Ergebnisse der Spurensuche zumeist unter Verschluss, was Unmut hervorrief und Empörung bei möglichen Anspruchstellern.

Schließlich wäre der "Fall Gurlitt", so spektakulär er vor vier Jahren aufkam, auch eine Chance, ein Grundübel deutscher Rechtsprechung anzugehen: Wann endlich fällt die Verjährungsfrist für NS-Vermögensverluste? Wann gibt es ein Gesetz, nach dem Erben von Alteigentümern NS-Raubkunst von jedem Besitzer zurückverlangen können? Vielleicht bräuchte es dafür eine "Taskforce Gerechtigkeit". Sie müsste nichts übereilen, aber liefern sollte sie schon.