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Kommentare

Kommentar: Zurück zu den Grundlagen mit Petrenko

Jeder neugewählte Chef in der jüngeren Geschichte der Berliner Philharmoniker bedeutete einen Richtungswechsel mit Symbolkraft für die Musikwelt. Rick Fulker verrät, was man in der Ära Petrenko erwarten kann.

Er hat die Berliner Philharmoniker bisher nur dreimal dirigiert. Neulich sagte er einen Termin mit ihnen ab - kurzfristig und mit fragwürdigem Hintergrund. Er hasst CD-Aufnahmen - und Interviews noch mehr. Man nennt ihn den "großen Schweiger".

"Wer ist denn dieser Kirill Petrenko?"

fragt man jetzt zum Beispiel in der angloamerikanischen Musikwelt. Eine erste Antwort: Der siebte Chefdirigent in der Geschichte dieses Orchesters wurde vor 43 Jahren in Russland geboren und vor allem in Österreich musikalisch geprägt. Er scheint sich im Operngraben wohler zu fühlen als auf der sinfonischen Bühne. Fotos zeigen einen kleinen, dünnen Maestro mit einem breiten Lächeln im bärtigen Gesicht und funkelnden Augen.

Autoritärer Taktgeber: Karajan

Wechselprogramm im Dirigentenreigen: Nach dem legendären Wilhelm Furtwängler, der für seinen mal eruptionsartig-spontanen, mal neblig-mysteriösen Klang bekannt war, kam Herbert von Karajan. Bei ihm gab es fein zisilierte Präzision und einen Hang zu stilprägenden, perfektionistischen Interpretationen, die auf Tonträgern erschöpfend dokumentiert wurden.

Nachfolger des autoritären Taktgebers Karajan war der kongeniale Claudio Abbado, der "seine" Musiker als Gleichberechtigte behandelte und den Konsens mit ihnen suchte. Der eher leise Italiener wurde dann wiederum von Sir Simon Rattle abgelöst. Der schillernde, medienaffine Brite machte sich Gedanken über gesellschaftlichen Stellenwert und Relevanz der Klassik. Er hat die Berliner im 21. Jahrhundert positioniert, das Orchester erneuert und ihm neues Repertoire erschlossen.

DW-Musikredakteur Rick Fulker

DW-Musikredakteur Rick Fulker

Zahm oder wild?

"Musikdirektor der Berliner Philharmoniker zu sein, ist manchmal vergleichbar mit dem privilegiertesten Dompteur der Welt," offenbarte Rattle der DW im Jahr 2004. "Man geht zu den wilden Tigern hin, öffnet die Käfigtür, lässt sie raus und schaut dann zu, was passiert, wenn sie ungezähmt herumlaufen."

Vergleichen Sie einmal diesen Satz mit einem Zitat von Karajan, der einst dem Ensemble gegenüber äußerte: "Sie sind mein verlängerter Arm." Wer versteht letztendlich, wie die Berliner Philharmoniker ticken?

Ihre Mitglieder schweigen. Wenig mehr als Gerüchte sind nach dem Fiasko am 11. Mai nach Außen gedrungen. An jenem Tag sollten sie einen neuen Chef wählen. Die Liste der Kandidaten stimmte eins zu eins mit der Liste der Weltbesten überein. Haben sie sich für jemanden entschieden, der dann das Angebot abgeschlagen hat?

Zu großer Druck?

Man weiß lediglich, dass keine "große Mehrheit" für einen Kandidaten im Mai gefunden werden konnte. Die wilden Tiger sind offenbar außer Rand und Band geraten. Hatte es im Vorfeld zu viel Rummel über die Entscheidung gegeben? Der kanadische Dirigent Yannick Nézet-Seguin sagte der DW neulich: "Ich finde es großartig, dass die Berliner Philharmoniker das Flagschiff unserer Musikwelt sind. Also ja: Sie müssen die große Verantwortung gespürt haben. Ob der Druck auf die Musiker zu groß war? Ich sehe das so: Sie haben es gar nicht so eilig - und wenn sie im Augenblick nicht zu einem Konsens kommen können, ist es gar nicht so schlimm abzuwarten."

DW euromaxx 25.6.15 Petrenko

Er übt unermüdlich, bis er zufrieden ist: Kirill Petrenko

Die Wartezeit ist vorbei

Der Terminkalender eines Dirigenten wird drei Jahre oder länger im Voraus geplant. So war es höchste Zeit für die Entscheidungsfindung - die diesmal ohne Medienrummel fiel. Die Wahl von Kirill Petrenko symbolisiert eine Kehrtwende in der Zukunftsvision des Orchesters. Wo geht die Reise denn hin?

Da der medienscheue Maestro so wenig von sich selbst offenbart, muss man sich auf sekundäre Quellen verlassen. Eine ist Burkhard Ulrich, der mir sagte, wie es war, unter Petrenkos Leitung bei den Richard Wagner-Festspielen in Bayreuth zu proben. Wenn der Sänger mal einen Fehler macht, so Ulrich, "gießt Petrenko regelmäßig Öl ins Feuer. Er sagt dann: 'Vorsicht! Das ist ein Sechzehntel-Auftakt, nicht ein Achtel.' Meine Antwort dann: 'Vielen Dank, Kirill. Ich hoffe, dass ich daran denken werde.' Dann sagt er, 'Keine Sorge. Auch wenn Sie nicht daran denken, werde ich es tun. Und Sie immer und immer wieder daran erinnern.' Und: Genau das passiert dann."

Es geht um den Klang

All stimmen darin überein: Dieser Dirigent - trotz seines Rückenleidens - gehört zu den Fleißigsten und Gründlichsten derzeit. Heißt das, dass er auf Kosten der Musikalität auf sterile Perfektion zielt? Das wäre eine klischeehafte Vorstellung. Das Ergebnis seiner mühevollen Probenarbeit in Bayreuth war die bemerkenswerteste Aufführung des Vieropern-Zyklus "Der Ring des Nibelungen", die ich in vielen Jahren dort gehört habe. Und das sogar nach dem bemerkenswerten Christian Thielemann. Bei Petrenko gibt es die ganze Präzision, Ausgewogenheit und Intelligenz der Darbietung, die man auch bei Thielemann schätzte - aber dann: eine größere Tiefe und Breite im Klang.

Petrenko zaubert einen rhetorisch wirksamen Orchesterklang, der das gesungene Wort trägt, aber nie konterkariert. Hinzu kommen unerhörte dynamische Kontraste. Nach seinem Bayreuther Debüt 2013 nannte ihn "Die Welt" ein "Teufelskerlchen". Man schaue das Foto nochmal an: Im Auge des schüchternen Maestros funkelt es ein wenig schelmisch, vielleicht auch ein wenig teuflisch.

Dirigent Kirill Petrenko. (c) dpa - Bildfunk

Das "Teufelskerlchen"

Risiko oder nicht?

Gehen die Berliner mit Petrenko ein großes Risiko ein? Manche sagen, ja. Vor der gescheiterten Wahl am 11. Mai wies der langjährige Intendant der Berliner Philharmoniker, Ulrich Eckhard, darauf hin, dass dabei zwei Positionen in Personalunion zu füllen seien: Chefdirigent und Musikdirektor. Der Chef sei also nicht nur für die Aufführungen zuständig sondern auch für die Repertoireauswahl und sogar für die Geschäftsstrategie der Stiftung Berliner Philharmoniker. Angesichts dieser Fülle an Verantwortung, so Eckhard, gäbe es nur einen qualifizierten Kandidaten: Daniel Barenboim.

Auch wenn Petrenko ein Kompromisskandidat war - und das weiß man auch nicht so genau - hat er schon mehr als einmal Beobachter, und vor allem Zuhörer, überrrascht. Und er hat etwas Zeit. Während man in München hektisch nach einem Weg sucht, den vielgeliebten Musikdirektor der Bayerischen Staatsoper ein wenig länger zu halten - vielleicht doch noch über Rattles Abschiedstermin von Berlin im Jahr 2018 hinaus - zeigt der kleine Russe ein Gelassenheit, die der des Orchesters gleicht, dem er einmal vorstehen wird.

Wenn der Tag kommt, wird er in Berlin gut vorbereitet eintreffen. Er wird genau wissen, welchen Klang er haben will und wird unnachgiebig in der Probenarbeit darauf hinarbeiten, bis dieser Klang sitzt. Offenbar wollen die "wilden Tiger" genau dasselbe.

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