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Standpunkt

Kommentar: Zu viel Speed in Donezk?

Ein Separatistenführer aus dem Donbass will die europäische Landkarte neu zeichnen. Das neue "Kleinrussland" bringt den Kreml in Erklärungsnot. Doch Moskau könnte diesem Aberwitz Einhalt gebieten, meint Bernd Johann.

Entweder ist der Mann größenwahnsinnig oder er stand ganz einfach mal wieder unter Drogen. Alexander Sachartschenko, Oberhaupt prorussischer Separatisten in der selbsternannten "Donezker Volksrepublik", hat den Staat "Kleinrussland" (auf Russisch "Malorossija") ausgerufen. Alle anderen Regionen der Ukraine lädt er großherzig zum Beitritt in sein Fantasiegebilde ein. Kiew will er in die Nebenrolle eines "historischen und kulturellen Zentrums" zurückdrängen. Donezk soll die Hauptstadt "Kleinrusslands" sein.

Der Vorgang ist ebenso absurd wie bizarr. Ein Separatistenführer in selbst gebastelter Uniform schwingt sich auf zum Führer eines neuen Reiches, das aus "Kleinrussen" bestehen soll. Damit meint er die Ukrainer, denen er so die eigene Nation und Staatlichkeit streitig machen will. Sein Machtbereich Donezk, der nach drei Jahren Krieg in großen Teilen zerstört und wirtschaftlich ausgeblutet ist und inzwischen von rund zwei Millionen Menschen verlassen wurde, ist ihm offenbar zu klein geworden.

Ein Mann greift nach einem neuen Staat

Sachartschenko kann nur mit Rückendeckung aus Russland überhaupt sein politisches Überleben sichern. Und jetzt greift er nach neuen Räumen - offenbar in der Vorstellung, dass diese wohl seine Leute mit den aus Russland gelieferten Waffen kontrollieren sollen.  

Johann Bernd Kommentarbild App

Bernd Johann leitet die Ukraine-Redaktion

Wow! Dieser Mann hat sich was vorgenommen. Blöd nur, dass noch nicht mal seine Gesinnungsgenossen in der benachbarten separatistischen "Luhansker Volksrepublik" in seinen Plan einwilligen wollen. So ist das wohl unter Separatisten. Jeder möchte selbst der Chef sein!

Dabei hängen diese sogenannten "Rebellen" doch nur an der Leine Moskaus, die offenbar mal mehr und mal weniger straff gespannt ist. Alle Augen richten sich deshalb nun auf den Kreml. Russische Politiker und Experten äußerten sich in ersten Reaktionen vorsichtig und überrascht. Allen ist klar: Der Vorstoß des Donezker Separatistenchefs stellt die Souveränität der gesamten Ukraine in Frage. Und er torpediert das Abkommen von Minsk zur Lösung des Konfliktes in der Ostukraine.

Was will der Kreml?

Zu diesem Abkommen hatte sich der russische Präsident Wladimir Putin immer wieder - zuletzt noch vor zwei Wochen bei dem G20-Gipfel in Hamburg - bekannt. Eine neue Initiative zur Regelung des Konflikts im Rahmen des Normandie-Formats mit Deutschland, Frankreich, Russland und der Ukraine war deshalb verabredet worden. 

Was also gilt jetzt? Putins Erklärungen gegenüber europäischen Politikern oder der Größenwahn eines Separatistenführers? Der Kreml könnte das erklären. Er könnte auch beweisen, dass er fortan tatsächlich die Grenzen in Europa respektieren will und damit auch die Souveränität der Ukraine. Anscheinend aber akzeptiert er lieber die Allmachtsfantasien eines Separatistenchefs, bei dem man nicht mehr weiß, wo die Grenze zwischen Macht- und Drogenrausch verläuft.

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