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Kommentare

Kommentar: Zu viel Gewalt gegen Christen

Mehr als 100 Millionen Christen weltweit werden gegenwärtig wegen ihres Glaubens verfolgt. Der Hass auf die Christen ist vielfach zugleich ein Indiz für die Krise des Islam, meint Christoph Strack.

Allein in den zwölf Monaten bis Oktober 2015 wurden rund 7100 Christen wegen ihres religiösen Bekenntnisses ermordet, über 2400 christliche Gotteshäuser angegriffen. Das sind Kernzahlen des "Weltverfolgungsindex", den das Hilfswerk Open Doors jeweils zu Jahresbeginn vorlegt. Die Zahlen sind hoch, dramatisch hoch. Und man kann die vielen einzelnen Schicksale kaum noch erahnen.

Mag sein, dass das christliche Hilfswerk Open Doors evangelikal angehaucht ist. Und mag erst recht sein, dass die gesamte Terminologie eines "Weltverfolgungsindex" überzogen ist. In Zeiten von Rankings und Rekorden kommt jede umfassende Liste medial so leicht und auch marktschreierisch rüber. Die beiden großen Kirchen in Deutschland legen einen gewiss nicht weniger fundierten Bericht vor, der ebenso sorgenvoll stimmt, aber auf "Spitzenreiter" und ähnliche Begrifflichkeiten verzichtet. Und auch Amnesty International mit seinem jährlichen, seriös wertgeschätzten Bericht zur Lage der Menschenrechte in der Welt fokussiert vor allem auf Problemdiagnose, nicht auf Tabellen. Gut so.

Besorgnis erregender Trend

Doch trotz all dieser Vorbehalte gilt: Der Trend, den Open Doors aufzeigt, ist Besorgnis erregend. So haben Christen in fünf der sieben bevölkerungsreichsten Länder der Erde - China, Indien, Indonesien, Pakistan und Nigeria - einen schweren Stand, wenn auch in unterschiedlichen Härtegraden. Aber es handelt sich ausnahmslos um Länder, die von der westlichen Welt als riesige Märkte angesehen und entsprechend umworben werden. Und es handelt sich um Länder, die Beleg dafür sind, dass Verletzungen von Menschenrechten, Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit oft - ja eigentlich immer - miteinander einhergehen.

Strack Christoph Kommentarbild App

Christoph Strack, Korrespondent im DW-Hauptstadtstudio

Ebenso bitterer Befund: Der radikale, gewaltbereite und freiheitsverachtende Islamismus wird zum immer größeren Problem. Neun der zehn Staaten, die die Open-Doors -Liste anführen, sind muslimisch geprägt. Dem Phänomen müssen sich muslimische Denker endlich stärker, vielleicht auch überhaupt stellen. Da geht es gar nicht um den türkischen Nachbarn oder den Flüchtling in Deutschland. Nein, es geht um die Autoritäten an akademischen Einrichtungen, wie der Al-Azhar-Universität in Kairo oder dem zu recht kritisch beäugten sogenannten "Abdullah-Zentrum für interreligiösen und interkulturellen Dialog" in Wien. Und es geht um die Herren Religionsgelehrten an den zentralen religiösen Orten in Saudi-Arabien und Iran.

Der Islam steht vor einem weiten Weg, der steinig und allzu oft blutig zu sein scheint. Das merken Christen genauso wie Vertreter innerislamischer Minderheiten oder auch Juden - so es sie überhaupt noch gibt in diesen Ländern. Es geht um Aufklärung. Und um Bildung. Eine Religion, in der ungebildete Imame offen zu Hass oder Diskriminierung aufrufen können, muss sich endlich hinterfragen.

Reform muss aus dem Islam selbst kommen

Das deutsche Bemühen um die Ausbildung von muslimischen Religionslehrern und -lehrerinnen und auch von Imamen zeigt den richtigen Weg. Immerhin: Aus Nigeria kam jüngst die Bitte um Hilfe bei der Imam-Ausbildung. Aber erst wenn Signale (die derzeit nicht absehbar sind) von den großen islamischen Autoritäten kommen, kann man auch auf längerfristige Verbesserungen für die heute leidenden Christen im Mittleren und Nahen Osten, dem Ursprung des Christentums, hoffen.

Politisch tut die westliche Welt gut daran, bei Dialogen betont für Menschenrechte zu werben und die Religionsfreiheit hierbei einzubinden. Und offizielle Stellen der Gastgeber-Länder registrieren es, wenn sich ein Kabinettsmitglied auf Reisen (die deutsche Kanzlerin achtet zum Beispiel häufig darauf) in seinem stets engen Zeitplan auch mal ein, zwei Stunden Zeit nimmt für einen Besuch in einer bedrängten Gemeinde oder auch bei bedrohten Ordensleuten. Sie treffen da nicht selten stille Helden der Gegenwart. Und ja - ganz normale Touristen können das eigentlich auch.

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