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Wirtschaft

Kommentar: Zinssenkungen sind süßes Gift

Die USA wollen mit massiven Zinssenkungen den Aktiencrash aufhalten. Das ist aber das falsche Signal, denn zu billiges Geld schafft neue Probleme, meint Karl Zawadzky.

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An den Aktienmärkten werden nicht Erfolge der Vergangenheit honoriert, sondern Erwartungen an die Zukunft gehandelt. Da sich weltweit, vor allem aber in Amerika, die Wirtschaftsprognosen eingetrübt haben – in den USA wird sogar nach einem langen und starken Aufschwung eine Rezession befürchtet –, ist die Talfahrt der Aktienmärkte keine Überraschung. So wie der schönste Teil des Aufschwungs bereits der Vergangenheit angehört, so waren die Aktienkurse längst auf Talfahrt, als sie Anfang der Woche in Europa und Asien in den freien Fall übergingen. Ein Überspringen des Kursverfalls auf die USA will die amerikanische Notenbank nun mit einer massiven Zinssenkung verhindern – genauso wie die Regierung Bush mit einem 145 Milliarden Dollar starken Konjunkturprogramm das Abgleiten der amerikanischen Wirtschaft in eine Rezession aufhalten will.

Im Kern heißt das: Mit viel und billigem Geld wollen die amerikanische Regierung und die US-Notenbank die Krise meistern. Ob die Zinssenkung die Börse beeindruckt und die Bankenkrise abmildern kann, ob das Konjunkturprogramm die Wirtschaft ankurbelt, das ist fraglich. Auf jeden Fall handelt es sich um süßes Gift. Angesichts der Übertreibungen an den weltweiten Aktienmärkten war eine Korrektur überfällig.

Banken, die sich mit unseriösen Geschäften hohe Verluste eingehandelt haben, sollten nicht vom Staat gerettet werden, sondern die Strafe erdulden. Wird die nun in Amerika mit billigem Geld verhindert, führt das nicht zu gesunden Verhältnissen, sondern es wird damit den Märkten versichert, dass der Staat und die Notenbank als Retter zur Verfügung stehen.

Notenbank förderte unseriöse Hypotheken-Entwicklungen

Mit massiven Zinssenkungen hat die amerikanische Notenbank die Rezession nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in Grenzen gehalten. Sie hat mit der Politik des billigen Geldes aber auch die unseriösen Entwicklungen auf dem Hypothekenmarkt befördert, wo einkommensschwachen oder gar einkommenslosen Familien der Kauf teurer Häuser finanziert wurden.

Die Banken schwammen so in Geld, das nach Anlage suchte, dass sie so gut wie alles finanzierten. Das konnte nicht gut gehen, und das ist auch nicht gut gegangen. Hätte Geld seinen Preis gehabt, wären viele dieser Übertreibungen unterblieben. Vor allem hätte die Chance auf eine sanfte Landung der amerikanischen Konjunktur bestanden, statt des jetzt drohenden Absturzes in eine Rezession. Billiges Geld ist nicht die Lösung der Probleme, sondern billiges Geld führt zu Problemen.

Die EZB wird nicht folgen

Das ist der Grund dafür, dass die Europäische Zentralbank dem Beispiel der amerikanischen Notenbank nicht folgen wird. Das ist gut so. Denn in Europa, vor allem in Deutschland – der stärksten Wirtschaftsmacht auf dem alten Kontinent –, schwächt sich die Konjunktur zwar ab, aber alles spricht dafür, dass der Aufschwung sich auf etwas niedrigerem Niveau als in den vergangenen beiden Jahren fortsetzt. Die Finanzkrise hat die reale Wirtschaft bislang wenig beeinträchtigt; zum Beispiel die Auftragsbücher der deutschen Unternehmen sind prall gefüllt.

Es gibt keinen Grund, die für viele sicherlich schmerzhafte Korrektur am Aktienmarkt mit den Mitteln der Notenbank abzumildern oder gar in das Gegenteil zu verkehren. Vielmehr muss die Euro-Notenbank die Preissteigerung bekämpfen, die mit drei Prozent den Zielkorridor deutlich verlassen hat. Die Wirtschaftspolitik und die Europäische Zentralbank müssen Kurs halten. Mit billigem Geld und Konjunkturprogrammen würde nur die amerikanische Krankheit nach Europa übertragen werden. Das gilt es zu verhindern.