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Wirtschaft

Kommentar: Zinserhöhung ist ein Schuss vor den Bug

Die Anhebung der Leitzinsen in der Euro-Zone auf 4,25 Prozent ist ein gezielter Schuss vor den Bug all derer, die mit ihrem Verhalten den Preisauftrieb weiter anheizen können - meint Karl Zawadzky.

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EZB-Präsident Jean-Claude Trichet und die übrigen Mitglieder des Zentralbankrates haben deutlich gemacht, dass sie sich, wie das in den Statuten der Notenbank festgelegt ist, der Preisstabilität verpflichtet fühlen. Dabei ist es keineswegs unproblematisch, im auslaufenden Konjunkturzyklus die Leitzinsen anzuheben, denn natürlich ist das ein Dämpfer für die Wirtschaft, der sich nicht sofort, aber mit halbjähriger Verzögerung auswirken wird.

Karl Zawadzky

Kredite für Unternehmen zur Finanzierung von Investitionen und an Verbraucher zur Finanzierung des Konsums werden teurer. Das belastet die Nachfrage. Und das soll auch so sein. Es geht darum, über die Verteuerung des Geldes die Nachfrage zu verringern, was dazu führt, dass Preissteigerungen nicht mehr so einfach am Markt durchsetzbar sind.

Signal gegen Inflationsmentalität

Aber: Die Anhebung um 25 Basispunkte auf nunmehr 4,25 Prozent kann die Konjunktur verkraften. Wichtiger ist das Signal: Die Stabilitätswächter wollen die Inflationsmentalität bereits brechen, bevor die gefürchteten Zweitrundeneffekte in Gang kommen, also bevor die Gewerkschaften auf die steigenden Preise mit höheren Lohnforderungen reagieren und die Unternehmer wegen der dann höheren Kosten weiter die Preise anheben.

Innerhalb weniger Monate ist die Inflationsrate in der Euro-Zone auf vier Prozent gestiegen; in Deutschland lag sie zuletzt bei 3,3 Prozent. Der Zielkorridor der Europäischen Zentralbank von höchstens zwei Prozent ist damit deutlich überschritten. Deutschland verzeichnet derzeit die höchste Preissteigerung seit 15 Jahren.

Werden die Schwellenländer folgen?

Erschwerend kommt hinzu, dass das Inflationsgespenst nicht nur in Europa sein Haupt erhoben hat, sondern weltweit die Preise explodieren - und in vielen Ländern noch deutlich stärker als in Europa. Die Zeit gut laufender Konjunktur mit relativ stabilen Preisen ist binnen kurzer Frist durch einen internationalen Inflationsschub abgelöst worden.

Der Grund ist die Explosion der Rohstoffpreise, vor allem der Erdöl- und Erdgaspreise, sowie die teilweise dramatische Zunahme der Preise für Nahrungsmittel. Die Gründe dafür haben mit der stark zugenommenen Spekulation an den Rohstoffmärkten zu tun, vor allem aber mit der gestiegenen Nachfrage in den Schwellenländern, insbesondere in China und Indien, wo für die Expansion der Industrie Energie- und andere Rohstoffe benötigt werden und wo die zunehmende Mittelschicht sich der westlichen Ernährung angleicht.

Dem starken Nachfrageanstieg steht kein entsprechendes Angebot gegenüber. Das treibt die Preise nach oben - und zwar in den Zeiten der Globalisierung weltweit. Insofern macht die Erhöhung der Leitzinsen in der Euro-Zone vor allem dann Sinn, wenn andere Notenbanken - eben auch die der Schwellenländer - diesem Schritt folgen.

Dämpfer für die Konjunktur

Natürlich ist es problematisch, der ohnehin schwächelnden Konjunktur mit einer Leitzinssteigerung einen zusätzlichen Dämpfer zu verpassen. Aber es gilt, die Inflationsmentalität zu brechen, bevor sie immer weiter um sich greift. Je später die Notenbanken reagieren, desto höher wird der Preis der Inflationsbekämpfung. In den siebziger Jahren, als ebenfalls die Preissteigerung in der Folge von Ölschocks aus dem Ruder zu laufen drohte, führte die Rückkehr zur Preisstabilität durch das tiefe und lange Tal einer weltweiten Rezession.

So muss das diesmal nicht kommen, wenn das Signal der Notenbank verstanden und befolgt wird, zumal die Preissteigerung abseits der Rohstoffe und Nahrungsmittel noch relativ moderat ist. Der Schuss vor den Bug potenzieller Preistreiber ist zur rechten Zeit erfolgt.

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