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Türkei

Kommentar: Zerrissenheit als Geburtsfehler

Nach dem Silvesteranschlag in Istanbul und der Verlängerung des Ausnahmezustands ruft Präsident Erdogan die türkische Gesellschaft zur Einheit auf. Dabei ist es dafür längst zu spät, kommentiert Daniel Heinrich.

Der Nobelclub "Reina" im Istanbuler Ausgehviertel Ortaköy gilt als die (!) Anlaufstelle für die Schönen und Reichen der Metropole. Der Club direkt am Bosporus zeichnet sich vor allem durch schwarze Limousinen vor dem Eingang, horrende Eintrittspreise und tiefe Dekolletees aus. Er widerspricht, ginge es nach der religiös-konservativen Regierungspartei AKP und Präsident Recep Tayyip Erdogan, in so ziemlich Allem den öffentlich propagierten Vorstellungen wie ein mustergültiger türkisch-muslimischer Bürger zu leben hat.

Nie war die Spaltung tiefer als heute

39 Besucher des Clubs hatten bei der Attacke in der Silvesternacht dort ihr Leben verloren. Vor allem die Opposition hatte nach dem Anschlag gemutmaßt, dass sich der vermeintliche Attentäter durch islamistisch geprägte Hetze während der Weihnachts- und Neujahrszeit ermutigt gefühlt habe zu morden. In seiner ersten Rede nach dem Anschlag war es dem türkischen Staatsoberhaupt Erdogan besonders wichtig, an die Einheit des Landes zu appellieren. 

Aber halt: "Einheit" in der Türkei? Dieser Vorschlag ist schon fast witzig, so frech ist er. Man kann, wenn man derzeit über die Türkei nachdenkt, an viele Gruppierungen denken. Man kann an die Sunniten denken, die Aleviten, die Kurden, die Erdogan-Fans, die Erdogan-Hasser, die Religiösen, man kann an die Säkularen denken. Diese Gruppierungen sind sicherlich sehr vieles, geeint aber sind sie definitiv nicht.   

Porträt Daniel Heinrich (DW/M. Müler)

DW-Autor Daniel Heinrich

Dies ist nicht allein die Schuld von Erdogan oder der AKP, dies ist die Schuld der gesamten politischen Klasse des Landes: Die Zerrissenheit der Republik geht zurück auf deren Gründungsjahre, sie ist gewissermaßen der Geburtsfehler der Republik Türkei. Damals, in den 1920'er Jahren, oktroyierte Staatsgründer Kemal Atatürk mit Hilfe des Militärs und einer kleinen, urban geprägten Elite der überwiegend ländlichen und konservativ geprägten Mehrheitsgesellschaft seinen westlichen Lebenswandel auf. Auch aus dem Protest gegen diese Politik reifte aus dem konservativen Teil der Gesellschaft später der politische Islam. Dieser mündete letzten Endes 2002 in die Wahl der AKP zur Regierungspartei.

Kampf um die "richtige" Lebensweise

15 Jahre später lässt sich konstatieren: Was die Missachtung der "anderen" Seite der Gesellschaft anbelangt stehen sich Erdogan-Anhänger und Kemalisten in nichts nach. Und auch in ihrem Eifer dem gesamten Land ihre eigene, "richtige" Lebensweise aufdrücken zu wollen, gibt es erstaunliche Überschneidungen. 

Staatspräsident Erdogan spricht nun davon, dass er nicht zulassen werde, dass die Türkei sich polarisiert. Angesichts der türkischen Geschichte und gerade angesichts der jüngsten Ereignisse klingt das realitätsferner denn je. Der Putschversuch im vergangenen Jahr, die massive Verhaftungswelle in der Folge, bei der vor allem Anhänger des Predigers Fetullah Gülen zur Zielscheibe wurden, der wieder aufgeflammte Kurdenkonflikt mit seinen tausenden Toten und nicht zuletzt die Anschläge des sogenannten Islamischen Staates und der Terrororganisation PKK haben ihr Übriges dazu getan, dass die Türkei so weit von Einheit entfernt ist, wie selten in ihrer bald hundertjährigen Geschichte.

Wenn sich dem Appell Erdogans keine handfesten politischen Handlungen zur Überbrückung der politischen Gräben anschließen, werden Erdogans Worte das bleiben was sie momentan sind: Leere Worte aus dem Munde eines Politikers. 

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