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Standpunkt

Kommentar: Wohlkalkuliert in die Apokalypse?

Die USA setzen erstmals ihre größte nicht-nukleare Bombe ein. Ziel ist der IS in Afghanistan, doch die Botschaft geht an Russland und Nordkorea. Ein gefährliches Spiel an der Nuklearschwelle, meint Florian Weigand.

Test einer GBU-43/B Bombe in den USA (Reuters/U.S. Air Force )

Test einer GBU-43/B Bombe in den USA (Archivbild)

Wer hätte das gedacht: Ausgerechnet am Gründonnerstag, zum Auftakt des Osterfests, bringen die USA als "God's own country" und selbsternannte Hüter christlicher Werte erstmals ihre größte nicht-nukleare Bombe zum Einsatz. Die Explosion der "Mutter aller Bomben" in Ost-Afghanistan war laut Augenzeugen gigantisch. Die realen Beweggründe für den Abwurf sind noch nicht vollends klar. Doch was auf den ersten Blick als ein weiterer Griff in die mysteriöse Überraschungskiste des US-Präsidenten Donald Trump erscheint, könnte diesmal doch einer militärisch-politischen Logik folgen.

Florian Weigand (Foto: DW)

Florian Weigand, Leiter der Afghanistan-Redaktion der DW

Denn das Ziel ist mit Bedacht gewählt. Die Megabombe trifft tief eingegrabene Bunker und Höhlen-Stellungen der Terrormiliz IS im Grenzgebiet zu Pakistan - Ausgangspunkt für die blutigsten Anschläge, die Afghanistan derzeit erschüttern.  Wer wollte da schon sagen, es träfe die Falschen? Große internationale Kritik wird das US-Militär für den Einsatz folglich nicht ernten, auch wenn er nur einen Schritt unter der Nuklearschwelle bleibt -  was eigentlich schockieren sollte! Und genau deshalb sendet die "Mutter aller Bomben" ein durchaus kalkuliertes Signal der brachialen Stärke und Entschlossenheit. Vor allem Nordkorea und Russland müssten sich angesprochen fühlen.

Warnung an Moskau und Pyöngiang

In Moskau tagt am heutigen Karfreitag eine internationale Konferenz, die endlich Frieden in das kriegsgebeutelte Afghanistan bringen soll. Doch anders als bei früheren, ähnlichen Treffen an anderen Orten, sind weder die USA noch andere Nato-Staaten, die in Afghanistan Soldaten stationiert haben, beteiligt. Russland scheint die Initiative in den festgefahrenen Verhandlungen an sich zu ziehen - aus gutem Grund: Afghanistan liegt bedrohlich nahe an der eigenen Haustüre. Das mag Washington gehörig wurmen. Der Bombenabwurf gilt sicher als ein geeignetes Mittel, sowohl Moskau also auch den Machthabern in Kabul zu zeigen, dass die USA nicht bereit sind, das Heft am Hindukusch aus der Hand zu geben.

Noch weiter im Osten Asiens könnte die Wolke über dem Abwurfort jedoch als Vorbote zu einer noch viel größeren Krise gesehen werden. Die USA haben bereits Kriegsschiffe in die Gewässer um Nordkorea entsandt, während Pyöngyang mit neuen Atomtests droht. Trump kontert mit der ihm eigenen Kurzrhetorik: Die USA werde sich Nordkoreas schon annehmen.

US-Militärs spielen Einsatz herunter

Die "Mutter aller Bomben" als Drohkulisse für einen kriegerischen Schlagabtausch mit einer Nuklearmacht wie Nordkorea? Die Reaktionen einiger hoher US-Generäle legen nahe, dass die Spitzenmilitärs genau diese Interpretationen fürchten. Sie wollen den Einsatz nicht zu hoch hängen. Die Mega-Bombe sei lediglich das geeignetste Mittel, um die Islamisten-Hochburg wirksam zu bekämpfen. Aus rein militärischer Logik gesehen haben sie sicher Recht. Und die Regierung in Kabul mag sich über die Rückendeckung aus Washington freuen, auch wenn die größere Gefahr nicht von den IS-Kämpfern in Ostafghanistan, sondern von den Taliban ausgeht, die fast überall im Lande aktiv sind.

So bleibt festzuhalten: Auch nach dem Abwurf der Mega-Bombe ist der Weg zum Einsatz von Nuklearsprengköpfen als nächste Stufe noch weit und keineswegs vorgezeichnet, ja derzeit kaum vorstellbar. Ein Restrisiko aber bleibt: Wer kann wirklich 100-prozentig garantieren, dass niemand die Grenze weiter nach oben verschiebt und einen Angriff mit noch größeren Bomben beantwortet, wenn er die Mittel und den Willen dazu hat? Dann ist Gefahr von apokalyptischem Ausmaß im Verzug.

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