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Kommentare

Kommentar: Wo ist der Hashtag #WeAreRussians?

Die Diskussion über die Absturzursache des russischen Passagierflugzeuges auf dem Sinai offenbart die tiefliegenden Kommunikationsprobleme des Westens mit den Russen, meint Ingo Mannteufel.

Russland geht nun offiziell davon aus, dass der Absturz der russischen Passagiermaschine über dem Sinai vor etwas mehr als zwei Wochen durch eine Bombe herbeigeführt worden ist. Das hat der Chef des führenden russischen Geheimdienstes FSB, Alexander Bortnikow, am Dienstag mitgeteilt. An den Trümmern des Airbus A321 der russischen Gesellschaft Metrojet sowie an Gepäckstücken seien Spuren von Sprengstoff festgestellt worden.

Sachliche Aufklärung versus Instrumentalisierung?

Eigentlich ist es nichts ungewöhnliches, dass sich Sicherheitsbehörden zwei Wochen Zeit nehmen, um in Ruhe die Ursache einer Katastrophe zu klären, bevor sie vorschnelle Verdächtigungen und Behauptungen aufstellen. Andererseits: Im Verhältnis zu Russland und den Russen ist im Westen momentan nichts mehr normal.

Als westliche Geheimdienste einige Tage nach dem Absturz verstärkt Indizien für einen Anschlag sahen und Moskau dem nicht sofort zustimmte, wurde dies im Westen sehr schnell und sehr einseitig interpretiert: Dem Kreml passe ein Terroranschlag nicht ins Konzept und wolle ihn deshalb verschweigen. Angeblich verlöre der Kreml im Falle eines Terroranschlages die Unterstützung in der russischen Gesellschaft für den kürzlich begonnenen und im Westen umstrittenen Militäreinsatz in Syrien. Nach diesem Narrativ dürfte die FSB-Erklärung vom Dienstag als späte Korrektur gedeutet werden. Und der Hinweis darauf, dass dies wenige Tage nach dem verheerenden Terroranschlag in Paris passiert, wird dabei nicht fehlen.

So oder so Unterstützung für Moskaus Syrienpolitik

Sicherlich: Die russische Bestätigung der Anschlagsthese auf das Passagierflugzeug wenige Tage nach der Terrorattacke in Paris ist kommunikativ für den Kreml eine leichtes - zumal sich ja der IS auch mit dieser Tat brüstet.

Mannteufel Ingo Kommentarbild App

Ingo Mannteufel leitet die Russische Redaktion der DW

Andererseits darf doch die westliche Grundthese stark bezweifelt werden, dass der Bombenanschlag auf das Flugzeug die gesellschaftliche Unterstützung für die Kreml-Politik in Syrien stärkerer Kritik ausgesetzt hätte. Im Gegenteil: Mit der Terrorattacke auf die russischen Touristen erhält der russische Militäreinsatz in der national aufgeheizten russischen Öffentlichkeit eher weitere Unterstützung - ähnlich wie nun in Frankreich. Dem Kreml Angst vor der Anschlagsthese zu unterstellen, heißt Russland nicht zu verstehen.

Schlimmer wiegt aber noch etwas anderes für das russisch-westliche Verhältnis: Es ist in Russland nicht unbemerkt geblieben, dass in Europa frühzeitig die These eines Anschlages auf das Passagierflugzeug verbreitet wurde, es aber keine gesellschaftliche Solidaritätsbekundung mit den russischen Opfern gab, wie jetzt nach der Terrorattacke des 13. Novembers in Paris.

Die Opfer waren Touristen

Man kann die russische Politik in Syrien für falsch und unverantwortlich halten. Und erst recht die aggressive Politik des Kremls in der Ostukraine sowie die zweifelsohne völkerrechtswidrige Annexion der Krim. Aber russische Touristen als Opfer islamistischer Terroristen verdienen unsere vorbehaltlose Anteilnahme!

Die 224 russischen und ukrainischen Insassen des Flugzeugs waren für die Politik ihrer Staatsführung in Syrien genauso wenig verantwortlich (vielleicht wegen der autoritären Entwicklung in Russland im Unterschied zur französischen Demokratie sogar noch weniger), als die Menschen auf den Pariser Straßen, Konzerthallen oder im Stadion für die französische Außenpolitik. Wenn wir uns im Westen also zu recht keine Doppelstandards mehr vorwerfen lassen wollen, dann hätten wir nach den Erkenntnissen des Terroranschlags auf das russische Touristenflugzeug den Hashtag #WeAreRussians gebraucht.

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