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Standpunkt

Kommentar: Wir müssen reden nach dem G20-Gipfel

Vier Tage lang hat Hans Pfeifer in Hamburg die Proteste gegen den G20-Gipfel beobachtet und über sie berichtet. Die Rückreise nach Berlin ist geprägt von aufgewühlten Gedanken über die erlebten Widersprüche.

Die Eindrücke sind vielschichtig, widersprüchlich und auch verstörend. Ich finde es besorgniserregend, wie schnell man in den Sozialen Medien als "Wegbereiter linker Terroristen" beschimpft wird, wenn man nur versucht, diese Widersprüche einzufangen. Und ich finde es auch erschütternd, wie einfach es sich viele Politiker, Journalisten und andere Kommentatoren machen, wenn sie mit wenig Kenntnis von den Geschehnissen vor Ort jetzt das große Wort schwingen.

Randalierende Kinder von Millionären

Die entfesselte Gewalt durch einen bewaffneten Mob, durch militante Linke, durch testosterongeschwängerte Halbstarke, durch einen gierigen Schwarm erlebnishungriger Krawalltouristen war ein Angriff auf das Leben anderer Menschen. Sie war zum Teil offensichtlich organisiert, zum Teil aber auch spontan. Die Gier in den Augen der Täter und ihr hungriger Blick nach dem Exzess sind beängstigend - weil sie durch das Gegenüber hindurch gehen, weil sie keine Menschen mehr wahrnehmen, sondern nur noch die Gelegenheit suchen. Politisch gesehen zerstören diese Täter eine der wichtigsten Säulen des gesellschaftlichen Fortschritts: den Dialog.

Pfeifer Hans Kommentarbild App

Hans Pfeifer war als Reporter beim G20-Gipfel

Die Ursachensuche für diesen Hass ist zweitrangig. Entscheidend ist, ihn in die Schranken zu weisen, damit der Dialog möglich bleibt. Aber entscheidend ist auch, diesen Gewaltexzess nicht zu vereinfachen: Es waren eben nicht nur politische Autonome, die hier gewütet haben, sondern auch die erlebnishungrigen Kinder aus Hamburgs Millionärsvierteln. Politik interessiert sie nicht. Sie interessieren sich für das Kräftemessen mit der Staatsmacht, und sie leben in einer Wohlstandsblase voller Verachtung für das Eigentum Anderer. Denn für sie ist Eigentum jederzeit ersetzbar.

Aber auch die Eskalationsstrategie der Polizei war ein Angriff. Ein Angriff auf die selbe Säule der Gesellschaft, den Dialog. Denn sie hat versucht, Menschen daran zu hindern, in einen Dialog mit den Gipfelteilnehmern zu treten. Das ist besorgniserregend. Ich habe jagende Polizeikräfte gesehen. Ich habe aber auch Polizeibeamte gesehen, die ihren Zugführer anbrüllten, dass er mal herunterkommen solle, anstatt jeder kleinen Demonstratengruppe hinterherzurennen. Ich habe Polizisten gesehen, die vollkommen grundlos einzelnen Demonstranten in die Beine traten. Und wenn Wasserwerfer schon dazu eingesetzt werden, um einen einzelnen Fotografen von einer menschenleeren Straße zu vertreiben, dann ist die Verhältnismäßigkeit aus dem Ruder gelaufen. Ich finde diese Strategie auch deswegen gefährlich, weil sie bei der Polizei Feindbilder aufbaut und festigt. Das wird die gesellschaftlichen Spannungen nur vergrößern.

Auch Kritik an der Polizei ist legitim

Ich bin in Kommentaren auf Facebook für meine Kritik an der Polizei angegriffen worden, schließlich sei es die Aufgabe der Polizei, das Recht durchzusetzen - auch durch die Ausübung des Gewaltmonopols. Aber genau weil sie eben das Gewaltmonopol hat, muss sie es mit Augenmaß anwenden. Schlimmer noch: In Hamburg haben sich Polizei und Politik über das Recht erhoben, in dem sie gerichtlich genehmigte Schlafcamps räumen ließen.

Über einen dritten Aspekt des gestörten Dialogs ist bislang gar nicht geredet worden: die Tatsache, dass dieser Gipfel von 20.000 Polizisten geschützt werden musste, um überhaupt stattfinden zu können. Jenseits aller Gefahrenanalysen finde ich es erschreckend, wenn in einer Gesellschaft mit dem Anspruch der Offenheit solche Mauern wachsen.

Nach drei Tagen mit Interviews im Rahmen des Protestes war es für mich grotesk, in die sterile Welt der Gipfelteilnehmer einzutauchen: kostenlose Buffets und Edelbrausen, kostenlose Zeitungen und die gedämpften Gespräche zwischen Jounalisten und Diplomaten. Ich hatte nicht den Eindruck, dass die meisten von ihnen den Geruch von Armut und die Aufgewühltheit der Menschen außerhalb der Festung Messezentrum nachempfinden konnten. Die Nähe zur Macht und die Faszination, einmal Trump "in echt" zu erleben, sind größer als die widersprüchliche Hitze draußen auf der Straße. Ich teile viele Ansichten und Grundannahmen der Gipfelkritiker nicht. Aber ihr leidenschaftlicher Streit gegen Ausbeutung und Hunger in der Welt ist anzuerkennen. Wer sie als "Gutmenschen" verhöhnt und jetzt wegen der Eskalationen sogar pauschal als "Linksfaschisten" brandmarkt und damit in eine Ecke mit rechten Schlägern stellt, die Jagd auf Geflüchtete oder Obdachlose machen, sollte sich schämen.

Gipfeltreffen sind Dialog

Ich halte die Aussage - trotz aller Bauchschmerzen - für richtig, dass solche Gipfel auch in einer Stadt wie Hamburg möglich sein müssen. Denn der Gipfel steht für Dialog. Und die Alternativen zum Dialog sind wachsende Mauern.

Vieler meiner Freunde in Hamburg waren in den vergangenen Tagen Zeugen der Ereignisse. Sie sind alle aufgewühlt. Sie wollen alle mit anderen Freunden reden, um ihre Eindrücke abzugleichen. Sie alle sind schockiert über die Gewalt - buchstäblich vor ihrer Haustür. Sie sind aber auch empört über die schon seit Wochen andauernden Schikanen durch die Polizei. Alle spüren, wie komplex die Ereignisse sind. Die Gespräche sind wohltuend differenziert und vorurteilsfrei. Und damit bleibt für mich nach diesem G20-Gipfel in Hamburg das Fazit: Wir müssen reden.

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