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Europa

Kommentar: Wir haben keine Angst - Mut zur Islamkritik

Das Attentat von Kopenhagen wird als Kopie der Anschläge von Paris betrachtet - den Gewalttaten sollte jetzt eine kritische Debatte mit dem politischen Teil des Islam folgen.

Der Attentäter von Kopenhagen habe sich wohl die Anschläge in Paris zum Vorbild genommen - zu diesem Ergebnis kam sehr schnell die dänische Polizei. Es sei der ähnliche Dreiklang gewesen, wie bei den Schüssen auf Charlie Hebdo und kurz darauf den jüdischen Supermarkt: Erst der Angriff auf die Meinungsfreiheit, dann gegen jüdische Bürger und am Ende die finale Schießerei mit der Polizei. Die Sicherheitsbehörden in Europa reagieren nervös, die Politiker versichern einander Beistand und Unterstützung und die dänische Ministerpräsidentin beschwört, man werde alle abwehren, die die offene, freie, dänische Gesellschaft attackieren wollten. Das übergreifende Gefühl aber ist eine gewisse Hilflosigkeit. Und wenn nach den Schüssen von Kopenhagen gleich in Braunschweig eine Karnevalsveranstaltung abgesagt wurde, ist das nun Ausdruck von Nervosität und Ängstlichkeit, oder gab es reale Hinweise auf Anschlagspläne?

Keine Kompromisse bei den Freiheitsrechten

Bei aller berechtigten Vorsicht, auch wenn die Polizei tatsächlich konkrete Erkenntnisse hat: Wir können uns von Islamisten, die sich auf dem Kriegszug gegen unsere Gesellschaftsordnung, unsere Sitten und unsere Lebensformen befinden, nicht in unserem Alltag beschränken lassen. Im Prinzip muss nach jeder dieser Attacken der Ruf gelten, der auch bei der beeindruckenden Demonstration in Paris zur Verteidigung der Meinungsfreiheit ertönte: "Wir haben keine Angst". Das ist zugegeben nicht so einfach, aber wer sich unter diesen Umständen von Angst regieren lässt, hat schon verloren.

Und verloren hat auch jeder Versuch, etwa mit einem erneuerten Blasphemieverbot und ähnlichen Kompromissangeboten an die Erwartungen eines Teils der Muslime, die Gemüter zu beruhigen. Denn was käme nach diesem ersten Schritt? Aus verschiedenen europäischen Städten wurde bereits von selbsternannten muslimischen Sittenwächtern berichtet, die in manchen Stadtteilen feiernde Jugendliche oder Mädchen in kurzen Röcken mit Pöbeleien oder Drohungen bedrängten. Was kommt als nächstes, das Kopftuchgebot für Frauen?

Offen und kritisch mit Teilen des Islam auseinandersetzen

Barbara Wesel Porträt

Barbara Wesel, DW-Korrespondetin in Brüssel

Unsere Gesellschaften in Europa werden nie den Forderungen wahabitischer oder anderer extremer Gruppierungen im Islam entsprechen. Und das sollen sie auch nicht, um keinen Preis und unter keinen Umständen. Um das aber deutlich zu machen, muss die Auseinandersetzung mit ihnen wohl offener und kritischer geführt werden. Und dabei bringt es uns nicht weiter, in theologische Debatten über den jeweils mehr oder minder kriegerischen Gehalt von Christentum, Islam oder anderen Weltreligionen einzusteigen. Die jüngsten Attentate und der generelle aggressive Grundtenor gegen Andersgläubige, die von einem radikalen Flügel des Islam ausgehen, können nicht mit dem Hinweis auf Mord und Totschlag bei den Kreuzrittern oder die Auswüchse der spanischen Inquisition erklärt oder abgeschwächt werden. Und auch der Einwand einer Mehrzahl der friedliebenden, toleranten Muslime, man müsse sich nicht dem Extremismus einer Minderheit beschäftigen, kann nicht weiter gelten. Es bleibt ihnen unter den Umständen wohl nichts weiter übrig, als sich aktiv mit den Hardlinern und Gewalttätern in der eigenen Religion auseinanderzusetzen. Innerhalb des Islam ist eine politische und theologische Debatte über die Entwicklung der Religion im 21. Jahrhundert und das Verhältnis zu Geschichte und Traditionen längst überfällig.

Und darüber hinaus sollten auch wir Europäer den Mut haben, die politische Auseinandersetzung in diesem Zusammenhang offen zu führen. Und zwar auf der Basis unserer Rechtsordnung: Die Meinungsfreiheit, die Trennung von Staat und Kirche und die Gleichstellung der Geschlechter sind nicht verhandelbar. Der Zusammenstoß zwischen den heute in unseren Gesellschaften geltenden liberalen Werten und einem Islam, der eben nicht zwischen öffentlichem Recht und privatem Glauben unterscheidet, ist ein echter Grundwiderspruch und kann nicht verschwiegen werden. Die Freiheit des Andersdenkenden ist eine Errungenschaft, die wir verteidigen müssen, denn sie schafft den Raum, innerhalb dessen dann jeder nach seiner Facon selig werden kann: Als Christ, Muslim, Jude, Hindu, Atheist oder Anhänger welcher spirituellen Idee auch immer.

Die Gebote des Grundgesetzes gelten für alle

Kein Muslim in unserer Mitte darf einem der Andersgläubigen um ihn herum seine Auffassung vom irdischen und vom ewigen Leben aufzwingen, genauso wenig wie seine Sitten und Gebräuche. Gleichzeitig genießt er hier den Freiheitsraum für die Ausübung seiner Religion, der in vielen islamischen Ländern nicht mehr gewährt wird. Die Basis für das Zusammenleben in Deutschland ist das Grundgesetz. Da steht alles Notwendige drin, und es gilt ohne Abstriche für alle, die in seinem Geltungsbereich leben. Die Regierungschefin von Dänemark hat Recht: Wir müssen die abwehren, die unsere offenen, freien Gesellschaften angreifen wollen.