1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kommentare

Kommentar: Wiederholt sich das irakische Drama in Afghanistan?

Das Attentat von Dschalalabad zeigt es - der "Islamische Staat" ist in Afghanistan angekommen. Florian Weigand meint: Jetzt rächt es sich, dass die internationale Gemeinschaft abzog, bevor die Probleme gelöst waren.

Es war nur eine Frage der Zeit: Schon seit Monaten spuken Gerüchte über IS-Aktivitäten durch die afghanischen Medien und sozialen Netzwerke. Auch Regierungsoffizielle aus der zweiten Reihe beteiligten sich an den Spekulationen, andere dementierten stets. Doch nun ist es quasi amtlich: Der afghanische Präsident Aschraf Ghani selbst bestätigt, dass der Islamische Staat für das Attentat in Dschalalabad verantwortlich ist, das 33 Regierungsbeamte in den Tod riss.

Nun geht die Angst um, es könnte sich am Hindukusch Ähnliches wiederholen, was im Irak bereits schreckliche Realität ist. In Kabul sitzt eine schwache Regierung mit zwei widerstreitenden Fraktionen, die es auch nach mehr als einem halben Jahr noch immer nicht geschafft hat, alle Ministerien zu besetzen. Die internationalen Truppen sind zum Jahreswechsel größtenteils abgezogen, ISAF ist nach 13 Jahren Geschichte. Es bleibt eine Unterstützungsmission für die Ausbildung afghanischer Streitkräfte, die zwar "Resolute Support" heißt, im Ernstfall dieses stolze Versprechen aber kaum einlösen kann. Die afghanischen Soldaten haben sich in zwei Operationen im Süden und Nordosten tapfer geschlagen, sind aber ebenfalls kaum in der Lage, einen Krieg gegen Aufständische zu gewinnen. Beste Karten also für den IS, auch in Afghanistan zu reüssieren.

Afghanistan als neues Operationsgebiet

Weigand Florian - Foto: DW

Florian Weigand, Afghanistan-Experte der DW

Es rächt sich nun, dass sich die internationale Gemeinschaft vorzeitig vom Hindukusch zurückgezogen hat - nicht weil der Einsatz erfolgreich beendet worden wäre, sondern weil er daheim beim Wahlvolk nicht mehr zu vermitteln war. Das Chaos ist den Experten aus Militär und Entwicklungshilfe wohl bekannt, wird aber von der Politik schön geredet, während sie auch die Mittel für den zivilen Aufbau schrittweise zurückfährt.

Dass nun der IS gerade jetzt in Afghanistan auftaucht, hängt aber mit der aktuellen Entwicklung im Irak und Syrien zusammen. Dort sind die radikalen Islamisten in den vergangenen Wochen schwer unter Druck geraten. Die Bomben der internationalen Allianz haben sie aus mehren wichtigen Orten vertrieben. Die Strategen des IS werden sich vermutlich ihre zynischen Gedanken machen, wie dieser Rückschlag möglichst medienwirksam kompensiert werden kann. Afghanistan - in der Zukunft vielleicht auch die labile Atommacht Pakistan - drängen sich als neues Operationsgebiet geradezu auf.

Dennoch bleiben Fragezeichen: Anschläge wie heute in Dschalalabad gehörten bisher nicht zu dem Mitteln erster Wahl des IS. Im Gegensatz zu Al Kaida war den IS-Kriegern bisher meist nicht daran gelegen, mit spektakulären Einzelanschlägen auf sich aufmerksam zu machen, sondern mit dem Auf- und Ausbau eines möglichst zusammenhängenden Herrschaftsgebiets. Ethnische Säuberungen und Hinrichtungsvideos dienten immer dem Ziel, das neue "Kalifat" noch stärker zu machen.

Ehemalige Taliban in neuem IS-Gewand

Dieses Attentat nun trägt eher die Handschrift von Terrorgruppen aus der Region, die mit medienwirksamen Anschlägen versuchen, die Regierungen in Kabul und Islamabad zu destabilisieren. Tatsächlich ist nach DW-Informationen die Quelle, die sich zu dem Attentat bekannte, ein ehemaliges Mitglied der pakistanischen Taliban. Eine Splittergruppe hatte sich vor einiger Zeit abgespalten und per Video-Botschaft dem Islamischen Staat Treue geschworen. Niemand kann sagen, ob diese nun auf direkte Weisung aus dem Irak aktiv wurde, oder als eine Art "Terror-Franchise" des IS weitgehend selbstständig operiert. Beide Versionen sind schreckliche Perspektiven.

Ein blutiger Sommer ist zu befürchten. Profitieren werden davon die Taliban. Um die Schreckensvision einer IS-Dependance am Hindukusch und damit in der Nähe der pakistanischen Atomwaffen zu bannen, werden Kabul und die internationale Gemeinschaft jedes Zugeständnis machen, um die Taliban in einen Friedensprozess einzubinden. Ihr vergangenes Terrorregime und die zahllosen Attentate der Gegenwart wird man geflissentlich zur Seite schieben. Und auf der Strecke bleiben könnte alles, wofür die internationale Gemeinschaft vor 13 Jahren angetreten ist: ein säkularer Staat mit Freiheit, Frauenrechten und Toleranz.

Die Redaktion empfiehlt