Kommentar: Wie konnte die SPD nur so tief sinken? | Kommentare | DW | 03.02.2018
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Standpunkt

Kommentar: Wie konnte die SPD nur so tief sinken?

Der aktuelle Deutschlandtrend sieht die Sozialdemokraten bei nur noch 18 Prozent. Ein Grund dafür könnte ihre öffentliche Zerfleischung sein, denn damit kommt die Partei nicht gerade attraktiv rüber, findet Jens Thurau.

18 Prozent! Wäre jetzt Wahl, wäre das das Ergebnis für die SPD, laut aktueller Umfrage. Konkret ist das ein Verlust von noch einmal über zwei Prozent gegenüber dem Katastrophen-Wahlergebnis vom September vergangenen Jahres. Die rechtspopulistische "Alternative für Deutschland" (AfD) ist schon auf Sichtweise herangekommen. Wenn Du denkst, schlimmer kann es nicht mehr kommen, geht es halt immer noch einen kleinen Schritt weiter. 

Thurau Jens Kommentarbild App

Jens Thurau ist Korrespondent im Hauptstadtstudio

Mit den Nerven am Ende

"Wir sind alle mit den Nerven am Ende und erschöpft wie nie", gestand mir dieser Tage ein führender Sozialdemokrat, der natürlich nicht genannt werden will. Das kann keinen wundern, denn offiziell verbreitet die stolze SPD ja eine riesige Geschäftigkeit, seit Monaten! Beschäftigt sich wie immer mit sich selbst, ringt mit sich, grübelt! Ist sich erst sicher, damals im September, dass sie nach dem desaströsen Wahlergebnis in die Opposition will. Weit, weit weg jedenfalls von der Union, die doch an all dem Elend Schuld ist. Dann, nur ein paar Wochen später, verhandelt sie doch wieder mit CDU und CSU, weil Angela Merkel eine andere Regierung einfach nicht zustande bringt. Davor kann man eigentlich nur den Hut ziehen: Wie sich die SPD der Verantwortung für das Land stellt, einer Verantwortung, die andere einfach schnöde zurückgewiesen haben.

Kraftakt ohne Ende

Und wieder ringt die SPD mit sich: Übersteht mit letzter Kraft einen Parteitag, der der Führung Koalitionsverhandlungen erlaubt. Eigentlich ein großartiges Stück gelebter Demokratie, aber der öffentliche Tenor ist: Der Parteichef und seine ganze Führung sind angezählt. Dann kämpft die SPD mit der CSU um den letzten Rest an Anstand in der Flüchtlingspolitik. Holt Milliarden heraus bei der Bildung. Steckt natürlich etwa hundertmal so viel Energie hinein wie die lethargische CDU. Und die Selbstqual geht weiter, auch in Zukunft: Wenn dieser Tage Gespräche über eine neue Regierung zum Erfolg führen, dann stimmen nochmal alle SPD-Mitglieder darüber ab, 440 000 an der Zahl. Ein Kraftakt ohne Ende. Und der Lohn dafür, bisher: 18 Prozent, knapp vor den Rechtspopulisten, die außer Argwohn, Wut und Fremdenfeindlichkeit nichts zu bieten haben.

Öffentliches Grübeln und Selbstgeißeln

Aber so ist das, wenn einer sich öffentlich quält und grübelt und selbstgeißelt: Das will keiner sehen. Am deutlichesten wird das am Beispiel von Martin Schulz: Vor einem Jahr eine Art Messias, dem die SPD zutraute, über Wasser zu gehen. Jetzt wirkt er nur noch grau und erschöpft und seine Beliebtheitswerte sind kaum messbar. Das liegt auch daran, dass vor allem die SPD die Quittung bekommt für alle die Unsicherheiten und Enttäuschungen im Volk: Über marode Schulen und niedrige Gehälter und den Pflegenotstand. Weil die SPD als Programmpartei all das ständig thematisiert, Besserung gelobt, Reformen verlangt und sogar durchsetzt. Aber das Gefühl bleibt, dass im Grunde nichts passiert. Von Angela Merkels CDU erwartet schon lange keiner mehr echte Reformen, die CDU ist sowieso im Wesentlichen ein Verein zur Erlangung und Sicherung der Macht. Aber die CDU macht eben auch kein schlechtes Gewissen und nervt nicht so wie die SPD.

Ich bin ratlos, was die SPD angeht. Sie ist voll von guten Ideen und blitzgescheiten Menschen, Menschen, die sich den Kopf zermartern um das Land, die sich in die Pflicht nehmen lassen. Nicht alle sind so, aber viele. Eigentlich bleibt der SPD jetzt nur noch die Flucht nach vorn, in die Große Koalition. Und die Hoffnung darauf, dass dann in den nächsten Jahren ein Wunder geschieht. Wieder einmal.