Kommentar: Wer kann das noch nachvollziehen? | Kommentare | DW | 18.02.2018
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Bundesliga

Kommentar: Wer kann das noch nachvollziehen?

Der Videobeweis kann - so wie er in der Fußball-Bundesliga Woche für Woche angewendet wird - einfach keinen glücklich machen. Er sollte daher schnellstmöglich wieder abgeschafft werden, meint Andreas Sten-Ziemons.

Ich muss gestehen, als es am späten Samstagnachmittag bei der Partie des 1. FC Köln gegen Hannover 96 in die entscheidenden Schlusssekunden ging, hatte ich schon abgeschaltet. Schlittschuhlaufen mit der Familie stand auf dem Programm, das Auto hatte ich um 17:13 Uhr vor der Eishalle geparkt. Das Radio mit der Bundesliga-Konferenz war bereits ausgeschaltet, und so habe ich verpasst, wie Claudio Pizarro mit der letzten Aktion des Spiels das vermeintliche 2:1-Siegtor für Köln erzielte, das anschließend durch den Videobeweis wegen Abseits aber doch nicht zählte.

"Halsschlagader wie 'ne Bockwurst"

Erst ein paar Stunden später las ich dann auf Facebook folgenden Eintrag eines Freundes - seines Zeichens FC-Fan und Dauerkarteninhaber: "ICH HAB 'NE HALSSCHLAGADER WIE 'NE BOCKWURST..." und da war mir klar: Es gab mal wieder einen Videobeweis in Köln.

Sten Ziemons Andreas Kommentarbild App

Andreas Sten-Ziemons

Um das klar zu sagen: Die Entscheidung, den Treffer der Kölner nicht zu geben, war absolut regelkonform. Auch das Eingreifen des Videoassistenten war genau so, wie es sein muss: Bei spielentscheidenden Fehlern der Unparteiischen auf dem Platz soll eingegriffen werden.

Dennoch: Kein Mensch - außer in diesem Fall die Hannoveraner natürlich - kann doch mit der Situation glücklich sein, dass Fans, Spieler und Trainer erst in wilder Euphorie losfeiern, um anschließend auf brutale Art und Weise wieder auf den Boden zurückgeholt zu werden. Genau das ist doch das Schöne am Fußball, darum gehen zigtausende Anhänger Woche für Woche ins Stadion.

Ich bin beileibe kein FC-Fan, aber so eine brutale Vollbremsung der Glücksgefühle hat wirklich niemand verdient. Auch Schiedsrichter Markus Schmidt - wohl ebenfalls kein FC-Anhänger - war nach der Partie nicht glücklich und sagte in der ARD-Sportschau wörtlich: "Ich fühle mich wahrscheinlich genauso scheiße wie die Fans."

Glücksgefühle werden kaputt gemacht

Das ehrt den Unparteiischen, macht die Sache mit dem Videobeweis aber auch nicht besser. Denn das Grundproblem ist neben der Glücksgefühl-Kaputtmacherei noch ein anderes: Kein Mensch kann nachvollziehen, warum die Männer im dunklen Kölner Keller mal ins Spielgeschehen eingreifen und mal nicht. Warum zum Beispiel hat der Treffer des Hamburger SV gegen RB Leipzig am 20. Spieltag gezählt, obwohl Torschütze Filip Kostic damals ähnlich knapp im Abseits stand, wie jetzt der Kölner Flankengeber Marcel Risse. Der Videoassistent griff damals erst gar nicht ein, oder forderte wenigstens den Schiedsrichter auf, sich die Sache selbst noch einmal auf dem Monitor am Spielfeldrand anzusehen. Warum nicht?

1. Bundesliga Fußball RB Leipzig gegen Hamburger SV (Getty Images/AFP/R. Michael)

Kostic (l.) trifft gegen Leipzig, stand aber im Abseits

Beispiele der mangelnden Einheitlichkeit bei der Bewertung vergleichbarer Szenen durch die Videoassistenten gibt es jede Woche. Ein weiteres gefällig? Warum bekommt der FC Bayern am Samstag gegen den VfL Wolfsburg für ein ebenso blödes wie leichtes Ziehen am Arm von Arjen Robben einen Strafstoß? Und warum wird am Sonntag der Borussia aus Mönchengladbach der Elfer gegen Dortmund verweigert, als Sokratis Jannik Vestergaard erst umarmt, sich dann an ihm festhält und ihn schließlich im Klammergriff zu Boden zieht? Wenn schon der Schiedsrichter nicht pfeift, warum greift da der Videoassistent nicht ein? 

Der Videobeweis soll den Fußball gerechter machen. Mein Fazit ist allerdings (mal wieder): Er tut es nicht! Obwohl er es könnte, wenn man ihn denn einheitlich anwenden würde. Und schöner macht er den Fußball schon gar nicht. Fragt nach bei den Kölnern mit der bockwurstdicken Halsschlagader!

Daher: sofort wieder abschaffen den Unfug! Es ist doch viel besser sich im Stadion sofort ehrlich freuen oder ärgern zu können, selbst wenn man dann später feststellen muss: Was ein Glück! Das wäre eigentlich Abseits gewesen! Oder: Was für ein Mist! Der Typ hat den Ball doch vorher klar mit der Hand gespielt…

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