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Kommentare

Kommentar: Wer Hass sät, wird Hass ernten

Die AKP gewinnt die Parlamentswahl in der Türkei klar und triumphiert auf teils beschämende Weise über den politischen Gegner. Dennoch besteht Grund zur Hoffnung, wie Daniel Heinrich in Istanbul meint.

Gleich nach der Auszählung der Stimmen konnte man in Istanbul beobachten, was in der politischen Kultur der Türkei das Problem ist. AKP-Anhänger fuhren in Autokorsos vor einen oppositionellen Fernsehsender, die Fahnen ihrer Partei schwenkend, grölend, triumphierend. Sie blockierten den Verkehr, fuhren in ihrem Übermut am Straßenrand stehende Passanten fast über den Haufen. In ihren Augen: Der Glanz des Sieges und die Häme über die Verlierer. Dann fingen sie an zu brüllen: "Hurensöhne, verlasst das Land." Immer und immer wieder. Es hätte nicht viel gefehlt und sie hätten das Gebäude gestürmt.

Es war beschämend, schlimm, zum Schaudern und in seiner Heftigkeit bei weitem nicht der einzige Zwischenfall dieser Art in dieser Nacht. Manche der AKP-Anhänger führten sich auf, als hätten sie einen Feind besiegt. Was diese Leute niemals begreifen werden: In einer demokratischen, pluralistischen Gesellschaft darf es nicht darum gehen, dass sich der Sieger einer Wahl auf eine solch despektierliche Art und Weise über den Verlierer erhebt oder der Verlierer Angst um Leib und Leben haben muss.

Gesellschaftlicher Riss

Zur Wahrheit gehört, dass es diese Tendenzen in der Türkei schon vor der Erdogan-Ära und seiner AKP gab. Ebenfalls gehört zur Wahrheit, dass auch alle Oppositionsparteien einen mehr oder weniger ausgeprägten Hang zu starken Führungspersönlichkeiten und polarisierenden Meinungen haben. Aber: Die AKP und Präsident Erdogan haben dieses System auf die Spitze getrieben: Sie haben den Riss durch die Gesellschaft in den vergangenen Jahren dermaßen vergrößert, dass einen der Hass gegenüber der jeweils anderen politischen Richtung erschaudern lässt.

Daniel Heinrich (Foto: DW)

Daniel Heinrich

Man möchte den Bürgern dieses Landes, die Gästen gegenüber eine so herzliche Freundlichkeit an den Tag legen, zurufen: Ist euch eigentlich bewusst, wie verachtenswert ihr untereinander miteinander umgeht? Wie weit ist dieses lächerliche „Wir-gegen-Sie-Spiel“ eigentlich gekommen, dass bei einer Schweigeminute zum Gedenken an die Opfer des Terroranschlags von Ankara ein gellendes Pfeifkonzert durchs Stadion hallt? Gegen tote Landsleute! Und wie weit muss der Hass von oben gesät worden sein, dass eine junge Frau öffentlich bei Twitter bedauert, um ein totes Flüchtlingsbaby getrauert zu haben? Es sei "halt doch nur ein Kurdenbaby".

Im Machtwort liegt die Hoffnung

Doch genau in der Obrigkeitshörigkeit der Türken liegt auch ein Funken Hoffnung: In einem Land, in dem so viele Menschen von einem patriarchalischen Machtwort in Richtung Hass getrieben werden können, können sie auch in Richtung Konsens geschubst werden. Und so bleibt - bei aller Tragik - eines nach dieser Wahl zu hoffen: Dass Präsident Erdogan, dass die politische Führung des Landes aus der Sicherheit des Sieges heraus endlich Ruhe geben, endlich mit dieser machtpolitisch motivierten Spaltung des Landes aufhören. Und sei es, dass sie aus rein egoistischen Gründen zu dem Schluss kommen, dass es vielmehr darum gehen muss, im Dialog mit dem politischen Gegner zu Ergebnissen zu kommen: Für das Wohl des Landes. Denn eines muss den Brandstiftern der Türkei auch klar sein: Wer Hass sät, wird irgendwann auch Hass ernten.

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