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Meinung

Kommentar: Wenn die Chemie nicht stimmt

Nur drei Tage nach dem DFB-Pokalsieg trennt sich Borussia Dortmund von Trainer Thomas Tuchel. Einen eindeutigen Schuldigen gibt es nicht, meint DW-Sportredakteur Stefan Nestler.

Wenn zwei sich trennen, ist meist nicht nur einer schuld. Unter Umständen auch keiner. Vielleicht passten beide einfach nicht zusammen, und es war ein einziges Missverständnis. Was für private Beziehungen gilt, trifft zuweilen durchaus auch auf das Verhältnis von Vereinen und Trainern zu. Wird ein Trainer in einer sportlichen Krise entlassen, geschieht das nicht unbedingt, weil er wirklich schuld ist, sondern der Fußball in diesem Fall bestimmten Automatismen folgt. Denn jeder weiß, dass es meist auch andere Verantwortliche gibt: Spieler, die ihre Leistung nicht bringen oder Vereinsbosse, die aufs falsche Pferd gesetzt haben, sei es bei Spielertransfers oder bei der Verpflichtung des Trainers. Im Fall BVB/Tuchel gibt es nicht einmal eine sportliche Krise.

Erster Titel seit fünf Jahren

Die nackten Zahlen sprechen für den 43 Jahre alten Trainer. Schon in seiner ersten Saison als Nachfolger von Erfolgscoach Jürgen Klopp wurde Tuchel mit dem BVB Vizemeister, Dortmund stellte den besten Sturm der Liga. Auch wenn es in der gerade abgelaufenen Saison mehr Auf und Ab für die Dortmunder gab, löste das Team am Ende doch mit Tabellenrang drei das direkte Ticket für die Champions-League-Gruppenphase. Und als Zugabe bescherten Tuchel und seine Spieler dem BVB mit dem DFB-Pokalsieg auch noch den ersten Titel seit dem Double 2012. In seinen beiden Jahren in Dortmund brachte es Tuchel auf einen Schnitt von 2,12 Punkten pro Partie (inklusive DFB-Pokal und Champions League). Rein statistisch war er damit der beste BVB-Trainer aller Zeiten.

Kein zweiter Klopp

DW-Sportredakteur Stefan Nestler, Foto: DW

Stefan Nestler, DW Sport

Doch sehr schnell war eben auch klar, dass Tuchel kein zweiter Jürgen Klopp ist und auch nicht gewillt war, einen solchen zu geben. Tuchel wollte sich nicht verbiegen, das BVB-Team nach seinen eigenen Vorstellungen führen. Manchmal stur, unbequem und rigoros, damit machte er sich nicht nur Freunde. Tuchel überwarf sich mit BVB-Chefscout Sven Mislintat und bootete ihn aus. Nach der Niederlage in Frankfurt warf er der Mannschaft Totalversagen vor, statt sich vor sie zu stellen. Vor dem Pokalfinale berief er trotz der Verletzung Julian Weigls den als Ersatz in Frage kommenden Nuri Sahin nicht einmal ins Aufgebot. BVB-Kapitän Marcel Schmelzer kritisierte diese Entscheidung öffentlich und belegte damit, was die Spatzen von den Dächern pfiffen: Zumindest Teile der Mannschaft hatten ihre Probleme mit Tuchels Art, die Mannschaft zu führen.

Tiefe Risse

Die atmosphärischen Störungen zwischen dem Trainer und der Vereinsspitze waren schon deutlich länger kein Geheimnis mehr. So beschwerte sich Tuchel nach der Winterpause, dass er erst sehr spät in den Transfer des schwedischen Talents Alexander Isak eingeweiht worden sei. Die BVB-Verantwortlichen um Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke widersprachen. Endgültig nicht mehr zu kitten waren die Risse nach dem Bombenanschlag auf den Teambus vor der Champions-League-Partie gegen AS Monaco. Watzke sah sich von Tuchel in die Rolle des Buhmanns gedrängt, weil der Trainer öffentlich sein Unverständnis über die Neuansetzung des Spiels nur einen Tag nach dem Anschlag geäußert hatte. In einem Interview sprach Watzke später von einem "klaren Dissens" in dieser Frage. Allen Beobachtern war eigentlich klar: Das ist die Entlassungsurkunde, wirksam nach dem Pokalfinale.

Und wer hat jetzt schuld, dass Tuchels Dortmunder Zeit bereits nach zwei Jahren vorbei ist? Tuchel, Watzke, die anderen BVB-Verantwortlichen, die Spieler? Wahrscheinlich hat jeder seinen Teil dazu beigesteuert. Die Chemie stimmt einfach nicht.

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