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Standpunkt

Kommentar: Weit mehr als nur ein "Goodbye"

Als Treffen unter Freunden war der Abschiedsbesuch von Obama in Berlin geplant. Doch nach der Wahl von Trump zum US-Präsidenten scheint er eine letzte politische Mission zu verfolgen, meint Sabine Kinkartz.

Barack Obama mag Angela Merkel. Mehr noch, er schätzt sie über alle Maßen und macht daraus auch gar keinen Hehl. So war das schon beim letzten Besuch des US-Präsidenten in Deutschland im April, jetzt, ein halbes Jahr später in Berlin, setzt der US-Präsident noch eins drauf: Auf der Weltbühne habe er sich in den vergangenen acht Jahren keine standfestere und zuverlässigere Partnerin vorstellen können, so Obama. Die Kanzlerin sei Verbündete und Freundin für ihn. Und: "Die Deutschen sollten sie wertschätzen."

Natürlich sind US-Amerikaner für ihre Überschwänglichkeit bekannt. Alles ist immer ganz schnell großartig und wundervoll. Aber erstens ist Obama kein Mensch, der zu Übertreibungen neigt, und zweitens sei daran erinnert, dass die "New York Times" nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten Merkel als "die letzte Verteidigerin des freien Westens" bezeichnete.

Wohin steuert die Welt?

In den USA sind die Würfel gefallen. In Europa fallen sie 2017. In Frankreich, den Niederlanden und in Deutschland wird gewählt. In allen drei Ländern sind die Rechtspopulisten auf dem Vormarsch. Marine le Pen, Geert Wilders und Frauke Petry jubeln über Trumps Wahlsieg. Der russische Präsident Wladimir Putin freut sich mit ihnen. Die Briten wollen im kommenden Jahr ihren Austritt aus der Europäischen Union beantragen. Der Brexit-Vorkämpfer Nigel Farage hat Trump bereits in New York besucht.

Kinkartz Sabine Kommentarbild App

DW-Redakteurin Sabine Kinkartz

Sieht so die politische Zukunft aus? Werden von 2017 an Populisten das Schicksal der Welt in die Hand nehmen? Obama will sich damit nicht abfinden. Vor der US-Wahl hat er mit Nachdruck vor Trump gewarnt, nun muss er sich zusammenreißen. Die Machtübergabe muss diszipliniert und reibungslos über die Bühne gehen, so sind die Spielregeln in der Demokratie. Die sei stark, sagt der Präsident. Mit anderen Worten: Die USA haben schon Anderes überlebt.

Merkel als Konstante

Doch jenseits der Amtsübergabe und ihren Zwängen verfolgt Obama eine letzte politische Mission. Er will retten, was noch zu retten sein könnte, und dabei setzt er auf Merkel. Sie soll dabei helfen, den absehbaren Schaden weltweit in Grenzen zu halten. Als "Eckpfeiler der internationalen Politik" - auch das ein Zitat von Obama - wäre sie eine belastbare Konstante. Wer mit Putin umzugehen weiß, könnte vielleicht auch Trump die Stirn bieten.

Das muss man bedenken, um die Lobeshymnen, die der scheidende US-Präsident über die Bundeskanzlerin abgibt, richtig einzuordnen. Obama will Merkel den Rücken stärken, will sie ermutigen, bei der Bundestagswahl 2017 erneut als Kanzlerkandidatin für die Union anzutreten. Die Bundesbürger fordert er zugleich auf, Angela Merkel mehr Wertschätzung entgegenzubringen. Obama weiß, dass die Kanzlerin und CDU-Chefin im letzten Jahr massiv an Zustimmung verloren hat. Er mische sich eigentlich nicht in die Politik anderer Länder ein, so Obama. Aber: "Wenn ich hier leben würde, würde ich sie wohl wählen."

Tritt sie an?

Und Merkel? Die Bundeskanzlerin ist bekanntlich nicht der Typ Mensch, der sich über Lobeshymnen sichtbar freuen kann. Dafür ist sie viel zu nüchtern. Lob erträgt sie höchstens und zieht dabei die Mundwinkel ein ganz kleines bisschen nach oben. Außerdem ist Obamas Lob mit einer schweren Bürde verbunden. Hat Merkel nach zwölf Jahren im Amt überhaupt noch die Kraft, den freien Westen zu verteidigen? Die Kraft, sich gegen die Trumps, le Pens, Wilders, Erdogans und Putins dieser Welt zu behaupten und sogar durchzusetzen? Offiziell hat Merkel sich noch nicht erklärt, sie lässt sich eine Kandidatur offen. Viel Zeit kann sie sich nicht mehr lassen.

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