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Asien

Kommentar: Warum uns Bhopal auch heute noch etwas angeht

Vor genau 30 Jahren entwich eine riesige Giftgaswolke aus einer Union Carbide-Fabrik in Indien, rund 20.000 Menschen starben. Bhopal hätte ein Präzedenzfall für die Globalisierung sein müssen, meint Jürgen Webermann.

Zwei Autoren der deutschen Tageszeitung "Die Welt" fanden vor zwei Jahren den wohl passendsten Titel für das, was in Bhopal 1984 geschehen ist: Sie sprachen von der "Urkatastrophe der Globalisierung". Tatsächlich ist der Umgang des Chemiekonzerns Union Carbide und seiner jetzigen Mutterfirma Dow Chemical mit dem Unglück von Bhopal eine Blaupause dafür, wie zynisch und gnadenlos manche Milliardenkonzerne mit denjenigen umgehen, die vermeintlich keine Stimme haben - und die ihren eigenen Regierungen genauso egal sind wie den Konzernbossen.

In armen Ländern wird stets an der Sicherheit gespart

Es beginnt mit den Arbeitsbedingungen in armen Ländern wie Indien: In Bhopal behaupteten die Union-Carbide-Manager stets, die gleichen Technologien und Standards einzusetzen wie in den USA. Das Gegenteil war der Fall. An der Sicherheit wurde gespart, nicht einmal die Alarmsirene funktionierte, um die Bevölkerung vor der Gaswolke zu warnen. Als sich dann tausende Menschen zu den Krankenhäusern schleppten, röchelnd, sich erbrechend, am eigenen Schleim erstickend, da hätte zumindest vielen geholfen werden können. Um ein Gegenmittel zu finden, hätte Union Carbide aufklären müssen, welche Gifte in der Wolke enthalten waren. Aber stattdessen sprach der Konzern damals nur von Geschäftsgeheimnissen - den Managern war das offenbar wichtiger, als das Schicksal der Menschen in Bhopal.

Deutschland Norddeutscher Rundfunk Jürgen Webermann

Jürgen Webermann ist ARD-Korrespondent in Neu Delhi

Danach feilschte Union Carbide um jeden Cent Entschädigung und nutzte noch jeden juristischen Winkelzug, um die Gerichte in den USA und Indien gegeneinander auszuspielen. Bis heute behauptet der Konzern, der inzwischen zum Chemieriesen Dow Chemical gehört, dass die indische Tochterfirma gar nichts mit der Zentrale in den USA zu tun gehabt habe. Wohin die Gewinne von Union Carbide India geflossen sind, auf wessen Geheiß die amerikanischen Manager in Bhopal handelten, das spielte keine Rolle. Die Liste der Merkwürdigkeiten ließe sich beliebig verlängern.

Bhopal hätte ein Präzedenzfall werden können

Warum uns das heute interessieren sollte? Weil Bhopal einen Präzedenzfall ganz anderer Art hätte schaffen können: Wäre Union Carbide von Beginn an auch in den USA zur Rechenschaft gezogen worden, hätte die indische Regierung nicht nachlässig und korrupt, sondern im Sinne ihrer Bürger reagiert, wären nicht nur Opfer vermieden worden. Vielleicht hätte Bhopal anderen Konzernen als Mahnung gedient, sich nicht alles zu erlauben in den Armenhäusern dieser Welt. Denn die Globalisierung ist erst nach 1984 richtig in Fahrt gekommen.

Aber stattdessen erleben wir immer wieder neue Bhopals. Das jüngste größere Bhopal war vielleicht der Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch vor anderthalb Jahren. Das gleiche Muster: Eine unsichere Fabrik, dilettantische und korrupte Behörden, Konzerne, die sich herausreden und Gespräche über Entschädigungen wie auf einem Basar führen. Warum auch nicht? Das System von Subunternehmern ist inzwischen so perfekt, die rechtlichen Schlupflöcher so groß, dass in den allerseltensten Fällen ein westlicher Konzern belangt wird. So wenig wie Union Carbide für das belangt wurde, was vor, während und nach der Urkatastrophe der Globalisierung in Bhopal geschehen ist.

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