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Politik

Kommentar: Wartet auf die Fakten!

Die Hintergründe des Anschlags auf den BVB-Bus haben fast jeden überrascht. Ein Beispiel dafür, dass schnelle Urteile über terroristische Attentate oft in die falsche Richtung zielen, meint Jefferson Chase.

Beginnen wir mit einer kurzen Aufwärmübung: Hände hoch, wer beim Bombenanschlag auf den BVB-Bus an einen islamistischen Anschlag gedacht hat! Meine Hand ist oben. Alles hat so gut gepasst. Anhänger des selbsternannten "Islamischen Staats" hatten schon bei den Pariser Anschlägen im November 2015 auch das Fußballstadium im Visier. Insgesamt starben 130 Menschen. Die logische Fortführung war der Angriff auf eine Mannschaft. Ein perfektes, weiches Ziel. Und wir haben in den vergangenen Jahren gelernt, die Islamisten sind gut darin, weiche Ziele zu suchen und zu treffen.

Aber so war es eben nicht. Nach allem, was wir wissen, war das Motiv nicht religiöser Fanatismus, sondern Habgier. Ich bin wohl auf der sicheren Seite zu behaupten, dass niemand diese Wendung erwartet hätte, auch wenn Gier historisch schon häufig einer der Gründe für das abscheulichste Verhalten von Menschen war.

Die Geschichten, die wir erzählen

Der Buchautor Peter Brooks schreibt in "Reading for the Plot", dass Menschen die Welt und ihre Umgebung dadurch verstehen, dass sie schlüssige Geschichten aneinanderreihen. Konventionelle Geschichten ergeben immer einen Sinn: Sie rekonstruieren nicht nur Vergangenes, sie konstruieren auch den Sinn dieser Ereignisse: Odysseus findet am Ende den Weg nach Hause, Faust gewinnt seine Wette mit Mephisto. Und niemand wäre doch wirklich glücklich, wenn der bekannte Detektiv Sherlock Holmes am Ende einer Geschichte sagt: "Watson, ich habe keine Ahnung, wer es gewesen ist."

Chase Jefferson Kommentarbild App

DW-Redakteur Jefferson Chase

Doch terroristische Anschläge konfrontieren uns mit Chaos. Dieses Chaos erzeugt in uns ein unwohles Gefühl. Um uns davon zu erlösen, suchen wir bei jedem Anschlag nach einer schlüssigen Geschichte. Wer könnte es getan haben? Warum? Das Problem dabei ist nur, dass wir viel zu häufig auf der Suche nach Antworten der schlüssigsten Geschichte auf den Leim gehen. Der Verdächtige des Bombenanschlags, Sergej W., hat auf diesen Reflex gesetzt, indem er als angeblicher IS-Anhänger Briefe an die Polizei schickte und die Tat für sich reklamierte.

Einfachen Geschichten widerstehen

Die einfache Lektion sollte heißen: Was daherkommt, wie ein terroristischer Anschlag, muss noch keiner sein. Wir müssen doppelt auf der Hut sein, keine vorschnellen Schlüsse zu ziehen. Das soll nicht die Tatsache vernebeln, dass es einen offenkundigen Zusammenhang zwischen radikalen Islamisten und terroristischen Anschlägen gibt. Anschläge sind der zentrale Bestandteil der islamistischen Strategie. Aber radikale Islamisten sind nicht die Einzigen, die den Terror einsetzen und die emotionale Kraft von Anschlägen macht die Menschen besonders empfänglich für Manipulation und auch Fehler.

Der Verdächtige des Anschlags auf den Bus der Dortmunder wurde nur wenige Stunden später festgenommen, nachdem ein Mann mehrere Schüsse auf Polizisten in Paris abgefeuert hatte - mit einem auf den ersten Blick islamistischen Motiv. Es ist Zufall, aber verdeutlicht einmal mehr, wie wichtig es ist auf die Fakten zu schauen und zu differenzieren, wenn wir Terrorismus verstehen und bekämpfen wollen. Die Realität ist häufig komplexer und manchmal auch einfach anders, als sie uns am Anfang erscheint.

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