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Kommentare

Kommentar: Wann endet(e) der Krieg?

Merkel und Putin haben würdig der Toten des Zweiten Weltkrieges gedacht. Sie schlugen eine emotionale Brücke; die aber dürfte nicht tragfähig sein, um den Konflikt um die Ukraine zu lösen - meint Christian F. Trippe.

Wann endete der Zweite Weltkrieg? Was wie eine harmlose Quizfrage daherkommt, wird in Ost und West unterschiedlich beantwortet: Für Westeuropäer und Amerikaner ist es der 8. Mai, für Russen der 9. Mai 1945. Die Sowjetführung hatte auf einer eigenen Kapitulationszeremonie vor ihren Kommandeuren bestanden, die aber verzögerte sich, und weil die Moskauer Zeitzone der mitteleuropäischen bekanntlich um zwei Stunden voraus ist, gedachten Ost und West fürderhin an zwei unterschiedlichen Tagen des gleichen, historisch einschneidenden Ereignisses.

Die Deutschen in der Bundesrepublik begingen den 8. Mai, die Deutschen in der DDR seit den 1970er Jahren konsequenterweise zusätzlich den 9. Mai. Der eiserne Vorhang markierte somit auch die Trennlinie zwischen unterschiedlichen politischen Zeitrechnungen und historischen Zeitzonen. Auch diese Teilung hat Deutschland mit dem Fall der Mauer überwunden, Europa hingegen nicht. Denn in der Ukraine-Krise wird deutlich: Russland hat seine Sowjetvergangenheit nicht verarbeitet, bedient sich martialischer Attribute des Militärischen und Machtstaatlichen, und es unterdrückt zivilgesellschaftliches, historisch-kritisches Engagement. Der Stalin-Kult, der mancherorts in Russland den 70. Jahrestag des Kriegsendes begleitet, ist mehr als schaurige Folklore.

Trippe Christian Kommentarbild App

DW-Korrespondent Christian F. Trippe

Als ob es mit den beiden Mai-Tagen nicht schon kompliziert genug wäre, hat die deutsche Bundeskanzlerin nun noch den 10. Mai eingeführt - als Tag des stillen Gedenkens an die Weltkriegstoten. Zur Militärparade wollte Angela Merkel dieses Jahr aus begreiflichen Gründen nicht kommen. Solange Russland das Nachbarland Ukraine weiter brutal bedrängt, solange die russische Führung sich weiter abkapselt und ihren Bruch mit diplomatischen Gepflogenheiten zelebriert - solange wird wohl auch in Zukunft kein westlicher Staatschef mehr zur Siegesparade nach Moskau kommen.

Der Bundeskanzlerin war aus den notorischen und in Berlin sehr zahlreichen Kreisen und Vereinigungen deutsch-russischer Zusammenarbeit eindringlich ans Herz gelegt worden, die Russen nicht vor den Kopf zu stoßen. Merkel sagte den 9. ab, um einen Tag später, nach der dröhnenden Parade, mit Präsident Wladimir Putin Kränze am Grabmal des unbekannten Soldaten niederzulegen. Sie wolle sich vor den Opfern "verneigen", sagte Merkel, und Putin sprach davon, dass Deutschland ja das erste Opfer der Nazis gewesen sei. Versöhnlicher geht's nimmer in diesen Tagen.

Überhaupt waren die Deutschen peinlich darauf bedacht, nicht in den Ruf zu geraten, aus politischen Konjunkturen heraus leichtfertig und geschichtsvergessen mit der Last der eigenen Vergangenheit umzugehen. Außenminister Steinmeier reiste nach Wolgograd, das unter seinem alten Namen "Stalingrad" zum Synonym für das massenhafte Schlachten und Sterben geworden ist - und zwar in beiden Ländern. Bundespräsident Gauck besuchte gleich zwei Kriegsgräberstätten in Deutschland, um gefallene Rotarmisten zu ehren. Diese Zeichen sind gesetzt und sie sind in Russland gelesen worden. Auch Putin hat sie verstanden.

Dabei haben Putin und Merkel eine komplizierte politische Beziehung zueinander. Schon vor der Ukraine-Krise war das so. In diesen Zeiten der Spannungen schien über Monate außer leidlich nüchternem wechselseitigem Respekt nicht viel übrig zu sein. So gesehen war das gemeinsame Totengedenken an der Kreml-Mauer am Sonntag ein großer emotionaler Schritt.

Kanzlerin und Präsident haben den Gedenktag genutzt, um über die Ukraine zu reden. Wieder prallten dabei die unterschiedlichen Narrative aufeinander, was die Ursachen der Krise angeht. Wieder wurden Vorhaltungen und Forderungen ausgetauscht. Da war in der Sache nichts neu, bestenfalls im Ton.

Es ist mehr als eine harmlose Quizfrage, wann der Zweite Weltkrieg endete. Die Antwort darauf wird auch in Zukunft unterschiedlich ausfallen. Es ist die drängende Frage dieser Tage, wann der Krieg in der Ukraine endet. Die Antwort darauf kann nur in Moskau gegeben werden.

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