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Standpunkt

Kommentar: VW-Urteil in den USA - Heute Liang, morgen Winterkorn?

In den USA ist erstmals ein VW-Mitarbeiter im Diesel-Skandal verurteilt worden. Es wäre gut, wenn sich bald auch Vertreter der oberen Führungsriege vor Gericht verantworten müssten, meint Andreas Becker.

James Robert Liang, deutscher Staatsbürger und seit 2008 als VW-Ingenieur in den USA tätig, hatte sich schon im vergangenen September schuldig bekannt, an der illegalen Software mitgearbeitet zu haben, mit der VW bei den Abgastests betrogen hatte.

Wegen seines Geständnisses war schon die Staatsanwaltschaft bei ihrer Strafforderung deutlich unter dem Höchstmaß geblieben. Schließlich habe Liang mit den Behörden zusammengearbeitet und ihnen Einblicke gegeben in "eine Firma, die beim Streben nach Marktanteilen und Profiten ihre ethische Verankerung verloren hat".

Dabei sollte nicht vergessen werden: Das Ziel, den Marktanteil massiv auszuweiten und den japanischen Konkurrenten Toyota als weltgrößten Autokonzern zu überholen, stammt von Martin Winterkorn. Er war seit 2007 Vorstandsvorsitzender des Volkswagen-Konzerns. Mit seinem Rücktritt im September 2015 übernahm er nur scheinbar die Verantwortung für den Dieselskandal.

Dichtung und Wahrheit

Noch heute behauptet Winterkorn, er habe den Diesel-Betrug weder angeordnet, noch sei er darüber informiert gewesen. Zwar geht die Staatsanwaltschaft Braunschweig einem Anfangsverdacht gegen ihn nach, angeklagt wurde er aber noch nicht.

Verfahren gab es bisher nur gegen die unteren Chargen - fünf in Deutschland, zwei in den USA. Das passt zum offiziellen VW-Narrativ, dass die Betrugssoftware von einfachen Technikern ausgeheckt worden sei. Doch es passt immer weniger zu den Details, die in den vergangenen Wochen bekannt wurden.

So sollen sich Mitarbeiter aller deutschen Autobauer über Jahre in geheimen Arbeitskreisen auch über die Dieselproblematik abgestimmt haben. Audi-Mitarbeiter sollen schon vor Jahren davor gewarnt haben, dass die Abgasmanipulation auffliegen könne. Und ein inhaftierter früherer Audi-Ingenieur behauptet in seiner Verteidigungsschrift, dass die Führungsriege des Unternehmens schon 2006 vom Diesel-Betrug wusste. Audi-Chef damals: Martin Winterkorn.

Sorgfältige Selbstinszenierung

Winterkorns Behauptung, von all dem nichts gewusst zu haben, passt auch nicht zum Image des Chefs, der sich um jedes Detail kümmerte. Er selbst hat dieses Image jahrelang gepflegt.

Becker Andreas Kommentarbild App

Wirtschaftsredakteur Andreas Becker

Vor den Augen eines Spiegel-Journalisten inszenierte sich Winterkorn bei einer Autoabnahme 2013 als detailversessener Konzernlenker: "Dann schaut er sich das Auto von außen an, er schaut und schaut, die Nase dicht über dem heißen Metall, und was ist das? Am Rand der Motorhaube ist der silberne Lack dicker als sonst. Winterkorn sucht mit den Augen seinen Assistenten und gibt ihm einen Wink."

Es ist unwahrscheinlich, dass ein Chef, der sich für kleinste Unregelmäßigkeiten in der Lackschicht interessiert, von einem konzernweiten Betrug nichts gewusst hat.

"Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen", sagt ein Sprichwort. Dass es nicht uneingeschränkt gültig ist, zeigt ein Blick nach Südkorea, wo gerade der Erbe des Samsung-Konzerns zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde.

Ob sich Martin Winterkorn jemals vor einem Richter verantworten muss, ist noch offen. Aber mit jedem Prozess im Dieselskandal wird es zumindest etwas wahrscheinlicher.

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