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Asien

Kommentar: Von Rivalität zur Partnerschaft

Jahrzehnte haben sich Indien und China feindselig über den Himalaya hinweg beobachtet. Darum ist die Reise des chinesischen Staatspräsidenten Hu Jintao nach Neu Dehli erstaunlich und lobenswert, findet Matthias von Hein.

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Peking hat nicht vergessen, dass Indien seinen letzten Atomwaffentest mit der Bedrohung durch die Nuklearmacht China begründet hat. Ebenso unvergessen ist bei der älteren Generation in Indien die Niederlage im Krieg mit China 1962. Und natürlich sind beide Länder mit ihrem gigantischen Wachstum von jährlich über 9 Prozent Konkurrenten, wenn es um die Sicherung von Rohstoffen und Märkten geht.

Es gibt genug Konfliktstoff zwischen diesen beiden Nuklearmächten mit den größten Armeen der Welt, um jede Art von Krisenszenario realistisch ausschmücken zu können. Um so beruhigender ist die von Indiens Premier Manmohan Singh und Chinas Staatspräsident Hu Jintao in Neu Delhi erstmals ausgegebene Botschaft: Es gibt genug Platz für Indien und China in einer Welt.

Gebietsstreitigkeiten

Davon abgesehen hat der in den chinesischen Medien mit viel Trommelwirbel und Fanfaren begleitete Besuch in der Substanz kaum etwas gebracht. Lediglich vorbereitete Erklärungen und Abkommen wurden unterzeichnet. Weder in der Frage eines Freihandelsabkommens zwischen Indien und China, noch bezüglich der Grenzstreitigkeiten wurde irgendein erkennbarer Fortschritt erzielt. Dabei hatten die im direkten Vorfeld des Besuchs noch für Irritationen gesorgt: Der chinesische Botschafter in Indien hatte den Anspruch Pekings auf den nordostindischen Bundesstaat Arunachal Pradesh bekräftigt. Die verärgerten Reaktionen Indiens folgten umgehend.

Indien fühlt sich eingekreist von China. Mit Indiens Erzrivalen Pakistan pflegt China seit Jahrzehnten beste Beziehungen. Im Anschluss an seine Indienreise wird Hu Jintao nach Islamabad fliegen, um diese Beziehungen weiter zu vertiefen. Auch durch engere Zusammenarbeit bei der Nutzung der Kernenergie. Mit Bangladesh hat China ein Verteidigungsabkommen geschlossen.

Die Wirtschaft lockt

Zudem ist China zu einem der größte Handelspartner Bangladeschs aufgestiegen. Auch mit den herrschenden Generälen in Birma arbeitet Peking eng zusammen. Hafenanlagen werden gebaut, die irgendwann möglicherweise von der chinesischen Marine genutzt werden. Auch in Pakistan bauen chinesische Ingenieure einen strategisch bedeutenden Tiefwasserhafen. Umgekehrt nährt die Annäherung Delhis an Washington das Misstrauen in Peking.

Aber all dieser Problempunkte und des allgegenwärtigen, tiefsitzenden Misstrauens zum Trotz: Beide Staaten praktizieren eine beeindruckend pragmatische Außenpolitik. Indien und China wollen ihr Wirtschaftswachstum absichern und haben ein großes Interesse an einem friedlichen Umfeld. Sie schaffen es, die Konfliktpunkte auszuklammern und sich auf die Bereiche möglicher Zusammenarbeit zu konzentrieren. Auch wenn die rund 3.500 Kilometer langen Grenzen noch nicht demarkiert sind, wurde in diesem Jahr ein Himalaya-Pass für den Grenzhandel freigegeben.

Handel überwindet Grenzen und Probleme

Überhaupt ist der Handel zum stärksten Bindeglied zwischen beiden Staaten geworden: In den letzten 15 Jahren ist er um das mehr als Zwanzigfache gewachsen. Und selbst beim potenziellen Konfliktthema Rohstoffe treten beide Seiten nicht nur als Rivalen auf, sondern gelegentlich auch als Partner. Zum Beispiel bei der gemeinsamen Ölförderung im Sudan, wo sich Indien genauso wenig um die Menschenrechtsverletzungen in Darfur schert wie China.

Über 20 Jahre schon verhandeln China und Indien ergebnislos über den Grenzverlauf im Himalaya. Dabei geht es immerhin um eine Fläche von weit über 100.000 Quadratkilometern. Das hindert sie aber nicht an lukrativen Geschäften miteinander und Annäherungen und Austausch auf anderen Gebieten. Man wünschte sich, Indien und Pakistan könnten ihre Beziehungen ebenso pragmatisch organisieren.

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