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Kommentar: Vom Elend des Brexit-Referendums

Eine Mehrheit der Briten hat sich für Austritt aus der EU entschieden. Die Brexit-Verfechter haben sie auf schockierende Weise fehlgeleitet und belogen. Und die Folgen werden die Ärmeren treffen, meint Barbara Wesel.

Einen Tag nach dem Schock über den Brexit gibt es in Großbritannien schon ein neues Wort: Regrexit, das anschwellende Bedauern über den Ausstieg aus Europa. Denn das Drama dieses Referendums ist, dass die Masse der Menschen, die ihr Kreuz für "Leave" gemacht haben, eigentlich etwas ganz anderes wollen, als sie jetzt bekommen werden.

Meisterstück der Manipulation

Fragt man Wähler in den armen Vorstädten von London, warum sie gegen Europa sind, sagen sie meist: "Weil wir uns von denen nichts sagen lassen wollen" und "Weil wir mehr für uns wollen" - bessere Schulen, bezahlbarere Wohnungen, bessere Jobs und höhere Löhne. Man hat ihnen eingeredet, die angebliche Fremdbestimmung aus Brüssel sei Schuld am schlechten Leben, und so suchen sie den Fehler nicht bei der eigenen Regierung. Ein Meisterstück der politischen Manipulation.

Das ist tragisch. Denn Boris Johnson und seine Helfershelfer von der rechtspopulistischen UKIP-Partei haben den Bürgern etwas versprochen, was sie ihnen nicht geben können. Was sie ihnen auch überhaupt nicht geben wollen, weil das Schicksal der ökonomisch abgehängten, sozial frustrierten und schlecht gebildeten Menschen, die mehrheitlich für den Brexit stimmten, sie nicht interessiert. Die Wähler waren nur das Vehikel für den Machthunger der Volksverführer.

Die Zeche zahlen die Kleinen

Genau die kleinen Leute aber, die seit Jahren keine Lohnerhöhung hatten, in unsicheren Jobs arbeiten und die dem Brexit zum Erfolg verhalfen, werden die wirtschaftliche Zeche zahlen. Das Pfund fällt, die Kreditwürdigkeit Großbritanniens ist herabgestuft, Konzerne denken über Abwanderung nach. Und niemand in der britischen Regierung wird den Waliser Bauern die EU-Subventionen ersetzen, die sie bisher über Wasser gehalten haben. Ebenso wenig wie die Stahlarbeiter von Port Talbot je wieder einen richtigen Arbeitsplatz finden werden. Ihre Chancen fallen mit dem Brexit.

DW-Korrespondentin Barbara Wesel (Foto: DW)

DW-Korrespondentin Barbara Wesel

Die Kampagne aber, die Boris Johnson, Nigel Farage & Co. gegen die EU geführt haben, war eine Propagandaschlacht von wahrhaft nordkoreanischer Perfidie. Sie haben die Briten belogen und betrogen, falsche Zahlen, erfundene Fakten und Nazivergleiche verbreitet und den Leuten eingeredet, dass nach einem Brexit immer die Sonne scheinen und Butter und Honig auf jedermanns Toastbrot fließen würden. Und die Menschen haben es geglaubt, weil sie es glauben wollten. Sie haben sich blenden und verführen lassen von den modernen Rattenfängern, die zu allem noch mit dem Fremdenhass spielten, um ihr Referendum zu gewinnen.

Sie wissen nicht, was sie tun

Die Ursache der Tragödie ist der Mangel an Wissen und der wütende Widerstand gegen Experten und die sogenannte Elite. Denn viele der Briten, die Europa für den Grund ihres Unglücks halten, haben die Tragweite ihrer Entscheidung nicht verstanden. Google meldet, dass sich Stunden nach der Schließung der Wahllokale in Großbritannien gewisse Suchbefehle vervielfachten, wie: "Was ist die EU?" Dieses Referendum war keine Übung in Demokratie - es war eine Demonstration in der Kunst der Manipulation.

Die kürzeste Reaktion übrigens auf das britische "Nein" zu Europa stammt von Eric Idle, dem früheren Mitglied der Komikergruppe Monty Python: "Großbritannien. Fuß. Geschossen". Dem ist nichts hinzuzufügen.

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