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Kommentare

Kommentar: Verunsicherte Deutsche

Die Flüchtlinge sind seit Monaten das alles beherrschende Thema in Deutschland. Die Gesellschaft ist einer zuvor nie dagewesenen Belastungsprobe ausgesetzt, meint DW-Chefredakteur Alexander Kudascheff.

Die Deutschen sind - wahrscheinlich - Romantiker. Jedenfalls sind sie zumindest verunsichert. Ratlos. Unsicher, wie sie mit einer Million Flüchtlinge umgehen sollen. Zuerst waren sie überwältigend hilfsbereit, jetzt artikulieren sich Wut und Ablehnung. Die politische, die gesellschaftliche Diskussion ist zuweilen hasserfüllt, jedenfalls selten bis nie sachlich. Die nahe liegende Frage, wie die eine Million Menschen in Deutschland aufgenommen, versorgt und langfristig integriert werden soll, wird kaum auch nur versuchsweise beantwortet. Wer für die Flüchtlinge ist, gilt als naiver Spinner oder Träumer. Wer gegen sie ist, ist schnell ein Rechtsradikaler oder ein Nazi. Der politische Diskurs ist entglitten. Schlimmer noch: Fast jeden Tag gibt es irgendwo Anschläge gegen Flüchtlingsunterkünfte - über 1000 inzwischen. Eine erschreckende Zahl.

Seit Silvester ist alles anders

Von den Flüchtlingen wiederum spricht auch kaum jemand, seit eine Horde - überwiegend Nordafrikaner - in Köln in der Silvesternacht Frauen in Köln beraubt, extrem sexuell belästigt, im Einzelfall sogar vergewaltigt hat. Da hat die Polizei in erschütternder Weise versagt, weil sie die Würde der Frauen nicht schützen konnte. Und auch den Kölner Dom, der über Stunden mit Leuchtfeuerwerk und Raketen beschossen wurde, konnte sie nicht schützen. Respekt vor einem der schönsten Gotteshäuser Europas - auch vor dem Gottesdienst, der drinnen stattfand - konnte sie nicht erzwingen. Respekt und Hochachtung, die man im übrigen von jedem Flüchtling der Welt erwarten kann. Seitdem ist der Glaube der Deutschen zerbrochen - an sich selbst und an die Flüchtlinge.

Kudascheff Alexander Kommentarbild App

DW-Chefredakteur Alexander Kudascheff

Und seitdem nimmt die Kritik an Kanzlerin Angela Merkel dramatisch zu. Sie hat - menschlich begründet und von der Mehrheit der Deutschen geteilt und unterstützt - die Grenzen geöffnet, als die Flüchtlinge in Ungarn zu stranden schienen. Für alles weitere aber hatte sie kein Konzept. Der Strom riss nicht ab - und Merkel wiederholte nur ihr Mantra: die Außengrenzen der EU sichern und schützen, die Flüchtlinge EU-weit verteilen, Schengen - sprich die offenen Grenzen - verteidigen, die Fluchtursachen bekämpfen, mit der Türkei kooperieren. Mit einem Satz: eine europäische Lösung finden, rational und moralisch. Der Haken: Die gibt es bis jetzt nicht. Und die Zustimmung zu ihr schwindet in Deutschland und in ihrer Partei wie der Schnee im Frühling. Angela Merkel ist allein auf der politischen Bühne - auch allein gelassen. Da kann eine Regierungschefin zu historischer Größe wachsen - und trotzdem stürzen.

Keiner weiß, wie es weiter geht

Das hat zwei unangenehme poltische Nebeneffekte: Europa ist uneiniger denn je, oder auch nebenbei einiger denn je gegen Deutschland und Merkel. Und auch in Deutschland wächst eine rechte, eine ultrarechte Kraft am Rand zu einem politischen Faktor. Das kann sich wieder legen, wenn die Flüchtlingskrise bewältigt wird. Aber die Belastbarkeit der EU, ihr innerer Zusammenhalt ist bis an den Rand des Bruchs getrieben - Ausgang ungewiss. Und so mancher fragt sich: War die europäische Union eine Schönwetteridee? Jedenfalls triumphiert überall der nationale Egoismus oder die Bereitschaft zum nationalen Alleingang.

Das ist ein hoher Preis für eine humane Geste Merkels. Und der Preis wird noch höher, wenn sich die Idee von einer schnellen Integration als Illusion erweist. Wenn sich Parallelgesellschaften bilden. Wenn der Zusammenprall der Kulturen - in diesem Fall mit dem Islam, mit den Traditionen der islamischen Welt - heftiger wird, als alle wollen. Das ahnen, das fürchten viele Deutsche. Das erregt sie, das macht die politische Diskussion heftig und aggressiv. Und das verunsichert sie, weil ihnen oft die Kraft zur rationalen, auch kalten Analyse und zum nüchternen Handeln abgeht. Wie gesagt: Die Deutschen sind oft Romantiker.

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