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Kommentare

Kommentar: Vernunft kann Terror besiegen

Nun also Schweden. Ein Mann tötet mit einem LKW vier Menschen. Jetzt heißt es, besonnen zu bleiben, gleichzeitig aber Politik zu machen, Probleme zu lösen. Das gilt auch für andere Länder, meint Clemens Bomsdorf.

"Schweden ist angegriffen worden. Alles deutet auf einen Terrorakt hin." - Die Worte des Premierministers Stefan Löfven kamen schnell und waren deutlich. Noch bevor Informationen über Identität und Beweggründe des mutmaßlichen Attentäters von Stockholm bekanntgegeben worden waren, hatte er sich auf Terror nahezu festgelegt. Ein paar Stunden später war Löfven in einem ausführlichen Statement plötzlich vorsichtiger, berichtete nur noch davon, dass die Polizei die Tat als "mutmaßlichen Terror" untersuche.

Diese Unterscheidung ist keine Haarspalterei, sondern essentiell dafür, wie eine offene Gesellschaft sich vor ihren Feinden schützt, ob sie schon alleine dadurch kapituliert, indem vorschnell geurteilt und so Panik verbreitet wird - oder ob doch erst die Fakten bekannt sein müssen, bevor Urteile gefällt werden.

Das Leben geht weiter

Löfvens Lavieren ist symptomatisch für eine Zeit mit schrecklichen Terroranschlägen in Europa. Paris, Nizza und Berlin sind nur die jüngsten Beispiele, die den meisten in Erinnerung geblieben sein dürften. Das Leben in diesen Städten geht nahezu genauso weiter wie vor den Taten. Wer nun Großveranstaltungen und öffentliche Plätze meide, beuge sich nur den Terroristen, so das ebenso übliche wie stimmige Argument.

Kommentarbild Clemens Bomsdorf ( Kristian Ridder-Nielsen)

Clemens Bomsdorf, Nordeuropa-Korrespondent für Focus, The Art Newspaper u.a., Mitglied bei Weltreporter.net

Auch in Schweden wird sich, wie es derzeit aussieht, durch die Tat nicht allzu viel ändern. Der Premier rief noch am Freitag, nachdem er nunmehr nur noch von "mutmaßlichem Terror" sprach, dazu auf, Freiheit und Demokratie zu wahren - und wurde für seine Worte gelobt. "Ziel des Terrors ist es, die Demokratie zu unterminieren, einen Keil zwischen die Menschen zu treiben, sodass mehr und mehr anfangen, einander zu hassen und zu misstrauen. Aber solche Taten werden in Schweden nie gelingen", so Löfven.

Dabei gibt es durchaus auch in Schweden schon eine Art Keil zwischen den Menschen. Denn einer aktuellen Umfrage zu Folge würden 18 Prozent der Wähler für die extreme Rechte, die Schwedendemokraten (SD) mit Verbindungen in die rechtsradikale Szene, stimmen. Die Partei landete damit ganz knapp vor den Liberalen und weit hinter Löfvens Sozialdemokraten. SD lehnt die offene schwedische Gesellschaft ab. Gestärkt wurde die Partei vermutlich auch dadurch, dass Integrationsprobleme in Schweden über Jahrzehnte nicht angesprochen wurden, statt der Tatsache ins Auge zu sehen, dass gelungene Integration keine Selbstverständlichkeit ist, sondern beiden Seiten etwas abverlangt.

Keine Panik!

Die Gegend der Drottninggatan in Stockholms Herzen, über die Freitag der Lastwagen raste, ist in den vergangenen 15 Jahren schon zweimal Ort ähnlicher Taten gewesen. Ende 2010 sprengte sich nur rund 100 Meter vom Kaufhaus, in das jetzt der LKW gerammt wurde, ein aus dem Irak stammender Schwede in die Luft - glücklicherweise kam bei dem islamistisch motivierten Attentat nur er selber ums Leben. 2003 fuhr ein 50-Jähriger in die südlich der Straße gelegene Altstadt und tötete zwei Menschen. Der Täter galt als psychisch krank, nicht aber als politisch oder religiös motiviert.

Terror ist längst nicht die einzige Gefahr, der wir ausgesetzt sind. Premierminister Löfven war auf einer Gedenkveranstaltung für die drei jugendlichen Opfer eines Busunglücks, bevor er Freitag wegen der Tat nach Stockholm zurückkehrte. Besonnen mit der Terrorgefahr umzugehen heißt auch, diese nicht zu überschätzen, sondern gegen andere Risiken abzuwägen. Gewalttaten, die die offene Gesellschaft und Demokratie angreifen wollen, erreichen ihr Ziel umso eher, je panischer auf sie reagiert wird.

Auch diese Lehre sollten wir aus Schweden ziehen. Der Terror in Europa sei die Fliege in einem Porzellan-Laden, sagte der israelische Historiker Yuval Noah Harari im März in einem Interview mit dem Spiegel. Anrichten könne diese Fliege zunächst einmal nichts, sondern erst, wenn sie sich einem Elefanten ins Ohr setze. Wir müssen alle aufpassen, nicht dieser Elefant zu werden.


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