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Asien

Kommentar: Urteil ist nur ein erster Schritt

Drei Jahre Erziehungsanstalt lautet das Urteil für einen Jugendlichen, der an einer brutalen Vergewaltigung in Indien beteiligt war. Doch die juristische Verurteilung allein reicht nicht aus, meint Priya Esselborn.

Priya Esselborn ist Teamleiterin der Hindi-Redaktion der Deutschen Welle (Foto:DW)

Priya Esselborn ist Teamleiterin der Hindi-Redaktion der Deutschen Welle

Wochenlang hatten die Menschen in der indischen Hauptstadt protestiert. Im ganzen Land hielten sie Mahnwachen ab und forderten einen tiefgreifenden Wandel - mit bis heute mäßigem Erfolg. Immer neue Berichte über weitere brutale Vergewaltigungen von Frauen und jungen Mädchen erschüttern die Menschen in Indien. Weiterhin werden weibliche Föten abgetrieben, so wenig sind Frauen wert.

Hat Indien nichts gelernt? Das fragen sich viele. Denn diese Taten bringen symbolhaft alle Übel ans Tageslicht, an denen das selbstbewusste Indien krankt und die es so gerne zu verstecken versucht: die erschreckende Geringschätzung von Frauen in allen Schichten der indischen Gesellschaft sowie Korruption, Machtmissbrauch, eine lethargische politische Elite und ein Justizsystem mit vielen Schlupflöchern.

Grenzen des Rechtssystems

Schlupflöcher, die der zum Tatzeitpunkt 17-jährige nun verurteilte Straftäter geschickt für sich nutzen konnte. Mehrfach wurde der Urteilsspruch wegen juristischer Detailfragen verschoben. Doch während seinen volljährigen Mitangeklagten lebenslange Haft oder eventuell sogar die Todesstrafe droht, hat das Jugendgericht nur die Möglichkeit, als Höchststrafe drei Jahre Haft in einer Erziehungsanstalt zu verhängen. Und das, obwohl die junge Frau zwei Wochen nach der Tat ihren schweren Verletzungen erlegen ist. Die Strafe reduziert sich sogar um die Zeit, die der Angeklagte in Untersuchungshaft verbracht hat. Dabei ist noch nicht einmal gesichert, dass der junge Mann zum Tatzeitpunkt tatsächlich noch minderjährig war. Aber in einem Land mit 1,2 Milliarden Menschen gibt es keine verlässlichen Geburtenregister und für ein paar hundert Rupien - wenige Euro - lässt sich fast jede Urkunde fälschen. Zudem sind Indiens Erziehungsanstalten hoffnungslos mit ihren jugendlichen Schwerverbrechern überfordert. Es fehlt an Fachkräften, Geld und einem nachhaltigen Konzept. Die Rückfallquote ist hoch.

Jugend: Segen oder Fluch?

Die Zeitbombe tickt: Indien ist ein sehr junges Land. Der demographische Vorteil kann sehr schnell vom Segen zum Fluch werden, wenn das Land seinen Jugendlichen keine Schulbildung und damit kaum Zukunftsperspektiven bieten kann, und die Schere zwischen arm und reich noch größer wird.

In den indischen Medien wurde die tragische Geschichte des jungen Mannes, den der überlebende Freund der Studentin als Dämon und den grausamsten der sechs mutmaßlichen Vergewaltiger beschrieben hat, mehrfach erzählt. Er stammt aus ärmlichen Verhältnissen, ist das jüngste von sechs Kindern, für den weder Geld noch Zeit oder Zuneigung übrig blieb. Mit 11 Jahren riss er ohne Schulbildung von zuhause aus - der klassische Teufelskreis. Der Verurteilte gehört zu den noch immer knapp zwei Dritteln der Bevölkerung, die nicht vom Wirtschaftsboom profitieren. Sie sind hoffnungslos und ausgeschlossen von den Annehmlichkeiten, die die Mittelschicht sich leisten kann. Vielleicht auch neidisch auf die junge Frau, die studieren durfte, nach einem Kinobesuch mit ihrem Freund auf dem Heimweg war, ihr Leben genoß und eine Zukunft hatte. "Eine Lektion wollten sie ihr erteilen", so hatten es einige Beschuldigte formuliert. Doch unter dem Einfluss von Alkohol und eventuell sogar Drogen - zwei immer wieder kehrende Begleiter der Ausgeschlossenen in Indien - nahm die Aktion ihren entsetzlichen und durch nichts zu entschuldigenden Verlauf.

Und die Daten der staatlichen Behörde für die Erfassung von Verbrechen in Indien verheißen nichts Gutes. So wurden im Zeitraum zwischen 2006 und 2010 709 Morde gemeldet, die von Jugendlichen begangen wurden. Doch allein im Jahr 2011 waren es bereits 888, eine Steigerung von knapp 31 Prozent. Es liegt nun an Indien, seinen politischen Führern und den Menschen selbst, dieses Problem anzugehen. Damit der Tod der jungen Frau nicht umsonst war.