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Standpunkt

Kommentar: Und Friede auf Erden… - Weihnachten auch weiterhin in Istanbul

Offiziell ist der Streit um Weihnachten an einer deutschen Auslandsschule in Istanbul beigelegt. Gut so. Aber der Vorgang offenbart, wie es um kulturelle Freiheit in der Türkei bestellt ist, meint Christoph Strack.

Es ist ein Stück aus dem Tollhaus, in das dieses Jahr 2016 die Politik geführt hat. Und wohl kaum jemand wäre vor Monaten noch auf die Idee gekommen, dies als Satire zu erfinden. Jetzt aber passen Begriffe wie "Weihnachtsverbot" und "Weihnachtsstreit" so anschaulich wie plakativ in diese Woche nach dem vierten Advent. Denn diese reale Politsatire hat einen so traurigen wie ernsten Kern. Und die Türkei schließt damit zu fundamentalistisch geprägten Ländern wie Saudi-Arabien auf.

Deutsche Reaktionen verweisen auf angespanntes Klima

Sprecher der Bundesregierung erklärten die Satire am Montag zum Einzelfall und versuchten, dem Thema jeden politischen Zündstoff zu nehmen. Das zielte vor allem auf die Empörten in den Unionsparteien. Deren breite Reaktionen zeigten, wie sehr jede Nachricht aus der Türkei, die für die Abkehr von europäischen Werten und Traditionen steht, den Überdruss jener Parlamentarier steigert, die wegen des Flüchtlingsabkommens stillhalten müssen.

Strack Christoph Kommentarbild App

Christoph Strack ist Korrespondent im Hauptstadtstudio

Dabei bringt der alte Rechtsgrundsatz "do ut des" ("Ich gebe, damit Du gibst") an dieser Stelle nichts. Er widerspräche auch im Kern der Idee der Religionsfreiheit. Die Genehmigung von Moscheebauten in Deutschland kann - man muss es klar sagen - nicht von Kirchen bauten in der Türkei abhängen. Und die Vermittlung beispielsweise des muslimischen Zuckerfestes in einer deutschen Schule nicht am Adventskranz von Istanbul. Nein. Man kann Religionsfreiheit und Freiheit für kulturelle Traditionen einfordern, aber man darf nicht mit ihr handeln.

Die Frage des "Weihnachtsverbots" an einer türkischen Schule mit einem Gutteil deutscher Lehrer zeigt bei näherem Hinsehen aber in der Tat eine gesellschaftliche und sehr politische Dimension. Wer um seine eigenen Traditionen selbstbewusst weiß, kann andere Traditionen gelassen hinnehmen. Heranwachsende in Deutschland lernen nicht selten während ihrer Schulzeit sowohl mal einen Kirchenraum als auch eine Synagoge oder eine Moschee von innen kennen. Wer indes Angst hat vor einem Adventskranz, der muss tief verunsichert sein in seiner eigenen kulturellen Kraft und Angst vor jeder Alternative oder Konkurrenz haben.

Ein Kernstück europäischer Tradition

Weihnachten als religiöses und zugleich auch extrem verbürgerlichtes Fest gehört im europäischen Kontext allen. Es steht für ein Kernstück europäischer Tradition, ja weltweiter Traditionen. Selbst bei der deutschen Linkspartei findet sich im Foyer des Berliner Karl-Liebknecht-Hauses eine weihnachtliche Ecke mit Baum und Kerzen. Zwar mag es eine Interpretationshoheit kirchlicher Experten zum Weihnachtsfest geben, aber keinerlei Emotionshoheit. Zu Weihnachten gehören Lieder, Gefühle, die Familie, Geschenke und nicht zuletzt die Botschaft "Friede auf Erden". Wie muss es um ein Land bestellt sein, dem man ein "Verbot" dieses Festes zutraut oder das sich ein solches "Verbot" zutrauen würde.

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