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Politik

Kommentar: Tschetschenien nach Bassajew

Die Tötung des tschetschenischen Terroristen Bassajew durch eine russische Spezialeinheit ist ein Erfolg für den Kreml. Tschetschenien und der Nordkaukasus bleiben aber ein Problem für Russland.

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Schamil Bassajew (Archivbild von 1999)

Bei einer Spezialoperation russischer Sicherheitskräfte ist Schamil Bassajew, tschetschenischer Terror-Chef und Russlands Staatsfeind Nummer Eins, in der zu Russland gehörenden Republik Inguschetien, westlich von Tschetschenien, getötet worden. Damit hat der Kreml - wenige Tage vor dem international beachteten G8-Gipfel in St. Petersburg - einen deutlichen Erfolg seiner Anti-Terror-Politik errungen. Denn Schamil Bassajew ist nicht der erste Tschetschenen-Führer, der von einer russischen Spezialeinheit getötet wurde.

So wurde im März 2005 der damalige Rebellenführer Aslan Maschadow bei einem ähnlichen Spezialeinsatz getötet. Vor wenigen Wochen - am 17. Juni - starb unter vergleichbaren Umständen der Nachfolger von Maschadow, Abdul-Chalim Saidullajew. Und nun töteten russische Sicherheitskräfte Schamil Bassajew, den Saidullajews Nachfolger als Rebellen-Chef, Doku Umarow, erst vor knapp zwei Wochen zum "Vizepräsidenten und Regierungschef" der tschetschenischen Rebellen ernannt hatte. Doch Bassajew war nicht irgendein tschetschenischer Rebellen-Chef.

Das Ende einer Epoche

Bassajew galt seit langem - spätestens seit der Tötung Maschadows - als heimlicher Anführer der tschetschenischen Rebellen. Und er war berüchtigt für seine Brutalität im Kampf gegen Russland, bei der er auch Zivilisten nicht verschonte. Damit war der 41-jährige die Verkörperung des tschetschenischen Terrorismus seit dem Ende der Sowjetunion: Zu seinen ersten Aktionen gehörte die Entführung einer russischen Passagiermaschine 1991 in die Türkei. 1995 führte er das Kommando der tschetschenischen Kämpfer, die im südrussischen Budjonnowsk ein Krankenhaus mit mehr als 1000 Menschen besetzten.

Im August 1999 war es Bassajew, der den Einfall tschetschenischer Rebellen in der Nachbarrepublik Dagestan organisierte. Diese Aktion nahm Moskau zum Anlass für den zweiten Tschetschenien-Krieg, an dem sich Bassajew durch die Organisation immer fürchterlicherer Terrorakte beteiligte. So bekannte er sich zu allen größeren tschetschenischen Terror-Anschlägen der letzten Jahre wie die Geiselnahmen im Moskauer Musical-Theater Nordost im Jahr 2002 und in der Grundschule im südrussischen Beslan im September 2004. Ebenso war er an der Ausweitung des Tschetschenien-Konflikts auf den russischen Nordkaukasus beteiligt: Denn als selbsternannter Oberbefehlshaber der "Nordkaukasischen Front" war Bassajew 2004 und 2005 Drahtzieher der zwei Überfälle im inguschetischen Nasran und in Naltschik, der Republikhauptstadt Kabardino-Balkariens. In beiden Fällen griffen mehrere Hundert Bewaffnete offizielle Einrichtungen an und töteten Staatsvertreter, Sicherheitskräfte und Zivilisten. Und diese gerade von Bassajew betriebene Destabilisierung des Nordkaukasus wird nach ihm anhalten.

Kriegsschauplatz Nordkaukasus

Denn Tschetschenien ist nur der Kern eines mittlerweile größeren Krisenherdes, der alle nordkaukasischen Republiken Russland, insbesondere aber Inguschetien, Dagestan und Kabardino-Balkarien, umfasst. Moskau - und insbesondere Dmitri Kosak, Putins Generalgouverneur in der Region - ist sich der Problemlage durchaus bewusst: Ausufernde Korruption, das alle öffentliche Bereiche durchziehende Clanwesen, die Schattenwirtschaft und die große Entfremdung der Bevölkerung von der regierenden Elite: All dies beklagt auch Kosak - und spricht zutreffend von zentralen Bedrohungen für die soziale Stabilität.

Doch der Kreml findet kein sinnvolles Rezept für die Bewältigung dieser Krise: Die Verstärkung der Militärpräsenz, das zentralistische Hineinregieren oder die Ernennung von Republikchefs verstärken vielmehr noch die Probleme. Die Entfremdung zwischen Russland und dem Nordkaukasus, zwischen den Russen und den oft muslimisch geprägten Ethnien nimmt zu, was auch an wachsender Xenophobie in Russland zu beobachten ist. Die Perspektivlosigkeit der Jugend im Nordkaukasus wächst, der Tschetschenien-Konflikt bleibt politisch ungelöst. Die Gefahr ist groß, dass unter solchen Umständen neue Terroristen vom Schlage eines Bassajews heranwachsen.

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