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Kommentar: Trump- oder Truthahn-Rally?

Seit dem Wahlsieg Donald Trumps haben die Aktien in den USA rund drei bis vier Prozent zugelegt. Das gab es seit Richard Nixon nicht mehr - und könnte sich bald als Strohfeuer erweisen, warnt Rolf Wenkel.

Am Donnerstag haben die Amerikaner Thanksgiving gefeiert. Das Erntedankfest ist der höchste Familienfeiertag in den USA - in etwa vergleichbar mit Weihnachten in Deutschland. Am Tag, an dem überall ein ausgewachsener Truthahn auf den Tisch des Hauses kam, war auch die Wall Street geschlossen, und Freitag, am Brückentag vor dem Wochenende, fand nur ein verkürzter Handel statt.

Diese verkürzte Handelswoche hat es schon öfters in sich gehabt. Experten verweisen gerne auf den Thanksgiving-Effekt, auf einen Anstieg der Kurse an den Tagen vor den Feiertagen. Dieses Phänomen beobachtet man seit den 1960er-Jahren - und es reicht in der Regel auch noch weiter als bis zum nächsten Montag: "Die Anleger kommen positiv und beschwingt aus dem Kurzurlaub zurück. Gerade um Thanksgiving herum sind die Amerikaner in einer so dankbaren Stimmung, da lassen sie sich ihren Truthahn doch nicht verderben", so ein Börsenexperte. Tatsächlich hat der Dow-Jones-Index dieses Mal an den drei Handelstagen vor Thanksgiving jeweils mit einem neuen Rekordhoch geschlossen.

Finanzmärkte hassen Überraschungen

Haben wir also gerade wieder einmal eine Truthahn-Rally gesehen, bevor der Alltag wieder einkehrt? Oder doch eine Trump-Rally, die andere Experten ausgemacht haben wollen? Ungewöhnlich ist jedenfalls, dass die Wall Street, die lieber Hillary Clinton als Präsidentin gesehen und auch fest mit ihr gerechnet hat, in den Wochen nach der Wahl einen Kurswechsel vollzogen hat. Statt eines Ausverkaufs von Aktien sahen die Händler genau das Gegenteil: Aktien sind plötzlich begehrter denn je.

Wenkel Rolf Kommentarbild App

DW-Wirtschaftsredakteur Rolf Wenkel

Finanzmärkte hassen Überraschungen, sie lieben die Kontinuität. Trump war eine Überraschung, und nun mussten die Marktteilnehmer mal genauer hinschauen, was der künftige Präsident auf dem Feld der Wirtschaftspolitik vorhat. Erste Erkenntnis: Trump gibt sich nach der Wahl viel versöhnlicher als im Wahlkampf, er ist von vielen radikalen Versprechen oder Drohungen bereits abgerückt, scheint Kreide gefressen zu haben.

Zweitens: Trump ist Unternehmer, und der wird seine eigene Kaste schon nicht zu kurz kommen lassen. So will er zum Beispiel massiv die Steuern senken und ein großes Infrastrukturprogramm auflegen, was die Wirtschaft äußerst gerne sieht. Zudem hat er weniger staatliche Eingriffe angekündigt, und die Anleger hoffen darauf, dass er die Umweltauflagen lockert. Das lässt die Aktien amerikanischer Unternehmen steigen.

Schuldenfinanzierte Konjunkturprogramme

Steuern senken und Geld für Infrastruktur ausgeben heißt: Noch mehr Schulden machen. Schuldenfinanzierte Konjunkturprogramme sind jedoch selten nachhaltig, sondern eher mit Strohfeuern zu vergleichen, die recht bald mangels weiterer Nahrung von selbst ausgehen. Doch für die nächsten Tage und Wochen an den amerikanischen Aktienmärkten gilt erst einmal: "America first", wie Trump im Wahlkampf warb.

Zuerst Amerika - das heißt: Donald Trump will jede Möglichkeit nutzen, die heimische Industrie zu bevorzugen. Dies will er erreichen, indem er den freien Handel erschwert. Dafür bekommt er viel Beifall von der heimischen Industrie und den Anlegern - die wohl erst sehr viel später merken werden, dass Handelshemmnisse auch ihrer eigenen Wirtschaft schaden.

Protektionismus trifft auch US-Firmen

Zölle und andere Handelshemmnisse wären nämlich nicht nur für exportorientierte Nationen wie etwa Deutschland oder China schädlich. Viele Branchen forschen und entwickeln daheim und lassen dann im Ausland produzieren. Ein Protektionismus à la Trump würde diese komplexen, globalen Zuliefer- und Produktionsnetze empfindlich stören, wenn nicht gar zerreißen. Das wäre nicht nur für Deutschland oder China schädlich, sondern würde auch die amerikanische Industrie empfindlich treffen. Denn auch sie produziert im Ausland, zum Beispiel in China oder in Mexiko.

Truthahn- oder Trump-Rally - beides könnte sich als kurzes Strohfeuer erweisen. Nur einmal, vermerkt die "Süddeutsche Zeitung", hat es eine Kursrally nach Präsidentschaftswahlen gegeben: Im November 1968, als der Republikaner Richard Nixon gewählt wurde. Doch die währte nicht lange. Schon vor dem Weihnachtsfest waren sämtliche Kursgewinne wieder aufgezehrt.

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