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Kommentare

Kommentar: Triumph des Kalkül-Fußballs

Congratulação, Portugal! Die Elf um Ronaldo holt den EM-Titel mit einer Mischung aus Disziplin und Defensivfußball in Reinform. Das ist nicht schön, aber ein neues Erfolgsmodell des modernen Fußballs, meint Joscha Weber.

Didier Deschamps wirkte ratlos. Der Welt- und Europameister als Spieler wollte seine Karriere mit dem EM-Titel im eigenen Land als Trainer krönen. Doch dazu kam es nicht. "Es ist eine große Enttäuschung", sagte Frankreichs Nationalcoach nach der Partie. "Am Ende waren es die Kleinigkeiten, die das Spiel entschieden haben", fügte er hinzu. Doch welche dies waren, vermochte er im Interview nach dem verlorenen Finale von Paris nicht zu sagen. Und auch seine Spieler wirkten, als hätten sie nicht verstanden, warum gerade dieses Spiel verloren ging, warum Portugal diese EURO 2016 am Ende gewinnen sollte.

Denn eigentlich sprach doch alles für Frankreich: Ballbesitz, gewonnene Zweikämpfe, Passquote und nicht zuletzt die Chancen. Die Statistiken sahen die Gastgeber klar vorne. Warum also verlor die eigentlich überlegene Équipe tricolore dieses "Finale à la maison"? Weil auch die spielstarken Franzosen kein Mittel fanden gegen diese portugiesische Neuinterpretation des Spiels: Verteidige, zerstöre und kontere dich weiter. Portugals Triumph ist auch ein Sieg des kalkulierten Defensivfußballs, den es so noch nicht gab. Und der Schule machen wird.

Kein Griechenland reloaded

DW-Sportredakteur Joscha Weber (Foto: DW)

DW-Sportredakteur Joscha Weber: "Nach dem spanischen Tiki-taka erobert der portugiesische Kalkül-Fußball die Welt"

Die Parallelen zum ebenfalls überraschenden EM-Triumph der Griechen (damals übrigens gegen und in Portugal) sind schnell gezogen - und falsch. Griechenland hatte schlicht keine andere Wahl als zu mauern und vorne auf einen geglückten Standard zu hoffen. Portugals Nationalelf hat spielerisch durchaus andere Möglichkeiten, verzichtet unter Trainer Fernando Santos aber auf fast alle davon - bewusst. Schluss mit der emotionalen Schönspielerei vergangener Tage. Stattdessen nüchternes und akribisches Arbeiten gegen Ball und Gegner, tief stehen, kein Risiko eingehen, diszipliniertes Positionhalten und verteidigen bis zum Umfallen. Man kann diese Form des Fußballs nicht schön finden (nicht einmal siegestrunkene Fans in Lissabon oder Faro kämen auf diese Idee), aber man muss sie in ihrer Reinheit bewundern.

Denn keine Mannschaft arbeitete bei dieser EM so effizient wie Portugal. Drei klägliche Unentschieden reichten in der Gruppenphase zum Weiterkommen. Das Pferd sprang gerade so hoch wie es musste. Teilweise im Energiespargang. In der K.o.-Phase warf Portugal dafür umso mehr Kräfte in die Waagschale, rang Gegner um Gegner über die Zeit nieder - auch wenn die eigentlich die besseren Chancen hatten, wie Kroatien oder eben auch Frankreich. Dreimal ging es in die Verlängerung, dreimal setzte sich Portugal durch. Die "Seleccao das Quinas Tugas" (Auswahl der Schilde) formte einen Schild-gleichen Abwehrriegel, der den Gegnern kaum Lücken ließ. Ob Luka Modric, Robert Lewandowski, Gareth Bale oder Antoine Griezman - die Crème de la crème des europäischen Offensivfußballs verzweifelte an diesem Panzer.

Das portugiesische Modell wird Schule machen - leider...

Dass man mit recht einfachen Mitteln am Ende gegen stärkere Mannschaften ein Turnier gewinnen kann, dürften die Fußballlehrer in aller Welt gesehen haben. Und sie werden dieses neue Erfolgsmodell kopieren, wie sie es vor einigen Jahren mit dem spanischen Tiki-Taka-Fußball zu Dutzenden taten. Spiele zu zerstören, ist einfacher als sie zu gestalten. Liebhabern des Offensivfußballs steht also eine schwere Zeit bevor.

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