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Kultur

Kommentar: Triumph der Toleranz

Travestiestar Conchita Wurst hat den Eurovision Song Contest gewonnen - der erste Sieg für Österreich nach fast 50 Jahren, aber auch ein Sieg für ganz Europa, meint Kommentatorin Nadja Scholz.

Politische Statements sind beim Eurovision Song Contest tabu. Zumindest offiziell. Doch nicht immer ist die direkte Rede nötig, um Botschaften zu überbringen. Conchita Wurst, die Siegerin des diesjährigen ESC, hat allein durch ihren Auftritt ein Statement für Toleranz formuliert. Ihre Wahl war ein Referendum für die Freiheit der sexuellen Orientierung und gegen Homophobie.

Nadja Scholz

Es kommentiert: Nadja Scholz

Die Zuschauer dieses europäischen Spektakels haben unmissverständlich abgestimmt. Sagenhafte 290 Punkte für eine Diva in figurbetontem, schillerndem Abendkleid - die einen Vollbart trägt! Eine ebenso irritierende wie faszinierende Kombination. Und eine gut kalkulierte Provokation.

Der 25-jährige Thomas Neuwirth hat mit der Erschaffung der Kunstfigur Conchita Wurst sein persönliches Anliegen zum gesellschaftlichen Thema gemacht. Er selbst ist homosexuell und hat als Jugendlicher massiv unter Diskriminierung gelitten. Nach seinem Auftritt ließ er die bärtige Diva über ihren Sieg sagen: "Es hat mir gezeigt, dass es in unserer Gesellschaft Leute gibt, die nach vorne schauen wollen und nicht in der Vergangenheit stecken bleiben." Darin steckt viel Politik und die Frage, welche Werte in Europa gestärkt werden sollen.

Überhaupt kann ein paneuropäischer Wettbewerb, in dem sich Nationen wechselseitig beim Televoting Punkte geben, niemals vollständig unpolitisch sein. Vor dem Hintergrund der Ereignisse in der Ukraine hat sich deutlich gezeigt, wie schwer sich die künstlerische Performance von der politischen Lage trennen lässt: Die russischen Kandidatinnen legten einen soliden Auftritt hin, trotzdem gab es in der Kopenhagener Veranstaltungshalle Buh-Rufe, sobald Russland mit Punkten bedacht wurde.

Zudem war der Auftritt von Conchita Wurst gerade für Russland eine Provokation. Dort hatte ihre Teilnahme hitzige Debatten ausgelöst. Russische Politiker und Vertreter der Kirche bezeichneten ihre Performance im Vorfeld als "Propaganda für Homosexualität und Verderbnis". Russland hat im vergangenen Jahr seine Gesetze gegen Homosexuelle verschärft. Doch bei der Abstimmung zeigte sich: Immerhin fünf von zwölf möglichen Punkten haben die Russen der österreichischen Kandidatin gegönnt. Es sind eben längst nicht alle Russen homophob.

Anderssein und Auffallen, das sind beim ESC zwar traditionell wichtige Zutaten für den Erfolg. Aber dieses Mal ging es um mehr. Der Auftritt von Conchita Wurst hat die Frage aufgeworfen: Wie offen ist die europäische Gesellschaft? Die Abstimmung hat gezeigt: Offener, als viele denken.

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