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Welt

Kommentar: Transatlantisches Schulterklopfen reicht nicht aus

Mit dem Berlin-Besuch zum 25. Jahrestag des Mauerfalls betont John Kerry die wichtige Rolle des deutsch-amerikanischen Verhältnisses. Doch wahre Freunde müssen auch heikle Themen anpacken, meint Michael Knigge.

Wer schlagzeilenträchtige Nachrichten vom Besuch des amerikanischen Außenministers Kerry in der deutschen Hauptstadt erwartete, wurde enttäuscht. Die einzige - bunte - Neuigkeit war, dass Kerry die wenigen Sätze, die er auf Deutsch sagte, mit französischem Akzent vortrug.

Das Motto der Kerry-Visite lässt sich mit "Erinnern und Erneuern der transatlantischen Beziehungen" treffend umschreiben. Dies mag zwar geringen Nachrichtenwert haben, ist aber dennoch bedeutsam, weil das deutsch-amerikanische Verhältnis weiter durch die NSA-Affäre belastet ist. Gleichzeitig sind beide Länder durch zahlreiche internationale Krisen zur Zusammenarbeit aufgefordert.

Geschichtsstunde

Der 25. Jahrestag des Mauerfalls bildete denn auch für beide Seiten den perfekten historischen Rahmen, um sich zu vergegenwärtigen, was erreicht werden kann, wenn beide Regierungen zusammenarbeiten.

Deutsche Welle Michael Knigge

DW-Reporter Michael Knigge

Durch den Besuch der Mauer-Gedenkstätte, einer Begegnung mit Schülern und seiner Schilderung wie er als Kind die geteilte Stadt erlebte, lies Kerry jedoch nicht nur den Kalten Krieg wiederaufleben. Vielmehr verknüpfte er die Ereignisse damals mit dem aktuellen Konflikt mit Russland um die Ukraine und betonte, man werde keine zweite Teilung Europas zulassen.

Sein deutscher Amtskollege Frank-Walter Steinmeier lobte unterdessen die unersetzliche Rolle der Vereinigten Staaten bei der deutschen Wiedervereinigung und betonte, die Deutschen würden dies nicht vergessen. Er ließ es sich ebenfalls nicht nehmen, Kerry persönlich für seinen unermüdlichen Einsatz für den israelisch-palästinensischen Friedensprozess zu danken, und versicherte ihm Berlins Unterstützung bei einem möglichen Neuanlauf der Gespräche.

Ansonsten handelten Amerikas Chefdiplomat und seine deutschen Gastgeber die weltweite Krisenlage – Ukraine-Krise, Kampf gegen IS, das iranische Atomprogramm, Ebola - im Stichwort-Stakkato ab und bescheinigten sich öffentlich, dass die USA und Deutschland bei allen Themen prinzipiell auf einer Linie sind.

Loblied auf Deutschland

Kerry überschüttete in seinen Ausführungen – fast schon standardgemäß für US-Politiker seit der NSA-Affäre – seine deutschen Gastgeber beinahe mit Lob. Er pries Kanzlerin Angela Merkel und Außenminister Steinmeier nicht nur für ihre Führungsrolle in der Ukraine-Krise und in der NATO, sondern auch für ihre Rolle bei allen anderen oben genannten Themen.

Um es klar zu sagen: Es ist wichtig, die erfolgreiche und historische transatlantische Zusammenarbeit, die im Fall der Mauer vor 25 Jahren einen Höhepunkt fand für eine junge Generation, die dies nicht selbst erlebte lebendig zu halten. Und es ist ebenso wichtig, dass die Vereinigten Staaten und Deutschland eng und verlässlich bei den aktuellen Krisen in der Welt zusammenarbeiten - trotz Meinungsunterschieden bezüglich des NSA-Skandals und zu dem transatlantischen Handelsabkommen TTIP.

Wurzel des Vertrauensschwundes

Und deshalb ist es auch verständlich, dass keines dieser beiden transatlantischen Konfliktthemen bei Kerrys Berlin-Besuch große Erwähnung fand.

Und dennoch bleibt festzuhalten, dass der Vertrauensverlust in das transatlantische Verhältnis nur überwunden werden kann, wenn genau diese Themen, die schließlich Auslöser der Krise sind, nicht unter den Teppich gekehrt, sondern offen angepackt werden.