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Amerika

Kommentar: Tragische Schwächen im System

Der nächste Freispruch für einen Polizisten im Prozess um den Tod des Afroamerikaners Freddie Gray habe viele Gründe, meint Miodrag Soric. Das US-amerikanische Justizsystem sei nur einer davon.

Die Reaktionen in den sozialen Medien sind eindeutig: Enttäuschung, Verbitterung, Wut über den Freispruch für Edward Nero. Er war einer von sechs Polizisten, die Freddy Gray festnahmen. Der 25-jährige Afroamerikaner starb in Polizeigewahrsam an einer Wirbelsäulenverletzung. Bereits vor Wochen hat ein Gericht einen anderen Beamten für unschuldig erklärt. Jetzt also der zweite Freispruch. Am Ende, so klagte ein Afroamerikaner auf Twitter, werde niemand für den Tod von Freddy Gray verantwortlich sein, schon gar nicht ein weißer Polizist.

Soric Miodrag Kommentarbild App

Für die Deutsche Welle Korrespondent in Washington: Miodrag Soric

Richtig ist, dass viele Afroamerikaner - nicht nur in Baltimore - den Gauben an Amerikas Justiz verloren haben. Das ist tragisch. Es zeigt, wie wenig selbst ein schwarzer Präsident im Weißen Haus in acht Amtsjahren bewirken konnte.

Doch Richter Barry Williams stand nicht vor der Aufgabe, das Justiz-System zu verändern. Er hatte in einem konkreten Fall Recht zu sprechen. Und da war die Beweislage eindeutig. Nicht Edward Nero war verantwortlich für den Abtransport von Freddy Gray, sondern der Fahrer. Dieser hatte den Festgenommenen nicht angeschnallt, so dass er sich beim Abtransport schwer verletzte. Und bald darauf starb.

Die Verteidigung spielte die Rolle von Nero geschickt herunter. Sie nannten ihn einen "Baby-officer", einen unerfahrenen Polizisten, der gerade mal zwei Dienstjahre im Amt ist. Und offenbar immer noch keine Ahnung davon hat, wie ein Verdächtiger festgenommen wird. Allein das spricht Bände über die Qualifikation amerikanischer Polizisten. In Deutschland und West-Europa dauert die Ausbildung Jahre. In den USA werden die Beamten nach ein paar Monaten Training auf die Straßen geschickt. Dabei ist der Job in Amerika viel gefährlicher, allein schon wegen der unverantwortlich großzügigen Waffengesetze.

Untersuchungen belegen: In Städten, in denen die Ghettoisierung weit verbreitet ist, sterben besonders viele Afroamerikaner. Dort, wo die oft armen Schwarzen leben, haben nur selten auch Polizisten ihr Häuschen.

Doch all das konnte Richter Williams in seinem Urteil nicht berücksichtigen. Keiner kann ihm Befangenheit unterstellen. Williams ist Afroamerikaner. Er hat lange im Justizministerium gearbeitet, vor allem in der Abteilung zum Schutz der Menschenrechte. Die Schwächen des amerikanischen Justizsystems, die mangelhafte Ausbildung der Beamten, die klammen Kassen armer Städte wie Baltimore - Richter Williams kennt dies bestens aus eigener Erfahrung.

Wie geht es weiter?

Die Urteile gegen die anderen Polizisten, die an der Festnahme Freddy Grays beteiligt waren, stehen noch aus. Trotz des mangelhaften amerikanischen Justizsystems: So ganz haben die Einwohner von Baltimore die Hoffnung auf Gerechtigkeit nicht aufgegeben.

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