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Welt

Kommentar: Türkische Optionen im Syrienkonflikt sind begrenzt

Der Konflikt in Syrien zeigt die Grenzen der neuen türkischen Außenpolitik auf. Nach den verheerenden Anschlägen in Reyhanli sollte die Türkei auf einseitige Gegenreaktionen verzichten, meint Loay Mudhoon.

Loay Mudhoon, Programmdirektion DW-RADIO/DW-WORLD / Islamexperte der deutschen Welle. Foto: Per Hendriksen / DW

Loay Mudhoon

Der Machtantritt der AKP-Regierung im Jahre 2002 leitete eine bemerkenswerte Wende in der türkischen Außenpolitik ein. Im Mittelpunkt dieser Neuorientierung stand das vom Außenminister Ahmet Davutoglu formulierte Konzept der "Strategischen Tiefe", in dem sich die Türkei als "zentrales" Land versteht. Ein Land, dessen Identität und Zugehörigkeit aufgrund seiner besonderen geografischen Lage zwischen Europa und der islamischen Welt und seines vielfältigen religiös-kulturellen Erbes nicht mehr nur "westlich" verstanden wird.

In der Praxis ist damit eine Diversifizierung der türkischen Außenpolitik gemeint, die nicht nur in der westlichen Welt durch die NATO-Mitgliedschaft und den EU-Kandidatenstatus verankert ist, sondern auch muslimische Staaten wieder stärker einbezieht und sich konstruktiv an der Suche nach regionalen Konfliktlösungen und an internationalen Vermittlungsmissionen beteiligt.

Diese außenpolitische Öffnung markierte zweifelsohne einen klaren Bruch mit der kemalistischen Tradition der einseitigen Fixierung auf die Westbindung. Die neue, mehrdimensionale Außenpolitik, die auf maximale Kooperation und "Null-Probleme" mit allen Nachbarstaaten abzielt, trug andererseits auch entscheidend dazu bei, die regionale Stellung des Landes ökonomisch und politisch zu stärken.

Grenzen der "Null-Problem-Politik"

Doch die revolutionären Umwälzungen des Arabischen Frühlings haben die Grenzen des Einflusses der aufstrebenden Regionalmacht deutlich aufgezeigt. Vor allem der Konflikt im benachbarten Syrien offenbarte die Schwächen der türkischen Außenpolitik.

Dabei spielte sowohl die neunhundert Kilometer lange Grenze zum Bürgerkriegsland Syrien als auch die Abhängigkeit von Syrien als Transitland für die expandierenden Aktivitäten türkischer Unternehmer in der arabischen Welt eine wichtige Rolle.

Doch viel wichtiger war die Rolle Syriens als "das Herzstück der neuen türkischen Außenpolitik". Denn die Beziehungen zwischen Ankara und Damaskus wurden in den Jahren vor dem syrischen Bürgerkrieg auf eine neue partnerschaftliche und strategische Grundlage gestellt. Die türkisch-syrischen Beziehungen avancierten somit zum erfolgreichen Modell für die neue Kooperationsstrategie des aufstrebenden Landes am Bosporus.

Syrien: Ankaras Achillesferse

Mit dem Ausbruch und der Verselbstständigung der Gewalt in Syrien wurde schnell klar, dass die neue türkische Außenpolitik den neuen Realitäten im benachbarten Syrien nicht gerecht werden kann. Dabei dürfte für Ankara die Tatsache schwer wiegen, dass das Land nicht über die notwendigen Instrumente und Ressourcen verfügt, um den Verlauf der Ereignisse im Bürgerkriegsland Syrien entscheidend zu beeinflussen oder es aus der derzeitigen, zerstörerischen Pattsituation zwischen dem Assad-Regime und seinen Gegnern zu befreien.

Zwar unterstützt die türkische Regierung seit dem endgültigen Scheitern ihrer Vermittlungsmissionen die syrische Opposition, die von der Türkei aus ihre diplomatischen und militärischen Aktivitäten koordiniert. Doch es gelang der türkischen Führung nicht, eine von ihr geforderte Flugverbotszone über dem Norden Syriens international durchzusetzen. Zudem hatte sie wenig Erfolg bei ihren Bemühungen, die chronisch zerstrittene syrische Exilopposition zu einen, um eine passende und schlagkräftige Alternative zum Assad-Regime aufzubauen.

Regionalen Flächenbrand verhindern

Inzwischen müssen sich türkische Diplomaten und Strategen eingestehen, dass eine internationale Militärintervention in Syrien trotz mehr als 80 000 Toten und Millionen von Flüchtligen gegenwärtig unrealistisch ist. Wie verfahren die innersyrische Situation ist, wird dadurch verdeutlicht, dass auch ein schnelles Ende des Gewaltregimes von Baschar al Assad keinesfalls das Ende des Bürgerkrieges in Syrien mit sich bringen würde. Zudem möchte die AKP-Führung unbedingt vermeiden, in einen Stellvertreterkrieg gegen den Iran hineingezogen zu werden. Auf diese Weise würde sich die konfessionelle Blockbildung zwischen Schiiten und Sunniten in der Region weiter verschärfen.

Weil die Einflussmöglichkeiten der Türkei begrenzt sind, wäre die türkische Führung gut beraten, ihren bisherigen, zurückhaltenden Kurs in der Syrienkrise beizubehalten und vor allem auf einseitige Gegenreaktionen auf die verheerenden Terroranschläge von Reyhanli zu verzichten. Die Türkei kann nur im Auftrag der internationalen Gemeinschaft und in koordinierter Zusammenarbeit mit westlichen und arabischen Alliierten wichtige Ordnungsaufgaben in Syrien übernehmen – und vielleicht dadurch dazu beitragen, einen regionalen Flächenbrand zu verhindern.