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Nahost

Kommentar: Täglicher Frust ohne absehbares Ende

Die jüngsten Unruhen in Afghanistan zeigen: Der Unmut der Bevölkerung über die gesellschaftlichen Veränderungen wächst. Damit geraten die USA und mit ihnen die Europäer in die Schusslinie, meint Peter Philipp.

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Schwere Ausschreitungen in Kabul

Fernschreiber Autorenfoto, Peter Philipp

Die schwersten Unruhen in der afghanischen Hauptstadt Kabul seit dem Sturz des Taliban-Regimes vor viereinhalb Jahren seien die Folge eines tragischen Verkehrsunfalls, versichern Sprecher der US-Streitkräfte und auch der afghanischen Regierung. Ein Unfall, den radikale Elemente ausgenützt hätten, um gegen die amerikanischen Truppen oder die Fremden überhaupt zu demonstrieren. Mag sein.

Aber der Unfall am Montag (29.5.2006) war wohl nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte: Die Bevölkerung Afghanistans braucht nicht die demagogische Hetze der aus dem Untergrund agierenden Taliban, um gegen die Fremden aufgebracht zu sein. Sie kann - besonders in der Hauptstadt Kabul - tagtäglich beobachten, wie das Land sich unter Anweisung und Anleitung der Fremden von dem wegentwickelt, was man unter den Afghanen für althergebrachte Lebensart und Werte hält. Gleichzeitig müssen sie resignierend feststellen, dass diese Veränderungen einer Mehrheit unter ihnen nichts nützen und dass die Armen weiter arm, die alten "Warlords" aber wieder reich und mächtig sind.

Harte Vorgehen der US-Truppen

Auch dass der Sturz der Taliban nicht unbedingt eine Befreiung war, zumindest aber nicht so empfunden wird: Die neuen Herren bauen zwar Schulen, Krankenhäuser und Straßen, aber sie sind weiterhin - und immer tiefer - verstrickt in den Kampf gegen die wieder erstarkenden islamistischen Taliban. Und besonders die US-Truppen gehen dabei nicht gerade zimperlich um mit den Afghanen: Da werden Dörfer bombardiert und Unschuldige getötet, weil dort Taliban-Kämpfer vermutet werden, da werden Gefühle und Empfindungen verletzt, in die man sich weder einfühlen kann noch einfühlen will. Und da wird dann eben auch rasch ein Verkehrsunfall als neuer Ausdruck solcher Überheblichkeit empfunden und missverstanden.

Seit viereinhalb Jahren sind die positiven Veränderungen eher kosmetisch und beschränken sich auf Äußerlichkeiten. Die negativen Folgen des Afghanistan-Krieges aber sorgen für täglichen Frust und täglichen Ärger - und das ohne absehbares Ende. Im Gegenteil: Die Prognosen für eine Normalisierung in Afghanistan laufen jetzt auf Jahrzehnte hinaus, wenn nicht gar Generationen. Wobei "normal" ist, was Amerikaner oder auch Europäer als solches empfinden, von den meisten Afghanen aber als äußerst unnormal betrachtet wird.

Karsai als Zielscheibe

Je mehr die Ablehnung gegenüber dieser Entwicklung wächst, desto mehr werden die USA in die Schusslinie aufgebrachter Demonstranten geraten und mit ihnen die Europäer, die - wie die Deutschen - ihren Teil zur Normalisierung betragen wollen.

Ebenso wird Hamid Karsai zur Zielscheibe werden. Afghanistans aufrechter Präsident hat zwar angekündigt, Zwischenfälle mit der US-Armee würden untersucht und aufgeklärt; aber es steht doch fest, dass Karsai gar nicht die Macht hat, Schuldige auf amerikanischer Seite - wenn es denn solche gibt - zur Verantwortung zu ziehen. Wenn sie aber ungeschoren davon kommen, dann schwächt dies die Regierung Karsai und verstärkt die Ablehnung der Fremden durch die Afghanen. Nicht nur der Amerikaner, sondern all derer, die als Teil dieses Versuchs einer Neuordnung in Afghanistan betrachtet werden.

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