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Standpunkt

Kommentar: Syrien - Ich kann nicht neutral bleiben!

Während es in den Metropolen der westlichen Welt angesichts des Grauens von Aleppo erstaunlich ruhig bleibt, ist Samir Matar empört. Kein Wunder: Der Redakteur der arabischen Redaktion der DW stammt aus Syrien.

Syrien Regierungssoldat in Aleppo (Reuters/O. Sanadiki )

Ein syrischer Regierungssoldat über den Trümmern von Aleppo

Als Journalist stelle ich mir jeden Tag die Frage, inwiefern ich meine Meinung in die Berichterstattung einfließen lassen darf? Darf ich es unterschwellig? Darf ich es überhaupt? Das, was in diesen Tagen und bereits seit Wochen in Aleppo passiert, hat diese Frage ad absurdum geführt: Ich kann nicht mehr neutral bleiben, wenn ich sehe, wie Zivilisten dort - im angeblichen Kampf gegen Terroristen - wie Hasen gejagt und bombardiert werden!

Die internationale Gemeinschaft, die UNO, die EU und die großen Nichtregierungsorganisationen reagieren nur, indem sie regelmäßig fast gebetsmühlenartig ihre Besorgnis äußern. Das kennen wir längst: Nach jedem Verbrechen in der Welt lässt die Weltgemeinschaft verlauten, so etwas dürfe nie wieder geschehen. Und doch passiert es immer wieder. In den vergangenen Jahrzehnten in Srebrenica, in Ruanda und jetzt Syrien - ich sage ausdrücklich nicht Aleppo: Denn die Zahl der zivilen Opfer in knapp sechs Jahren Bürgerkrieg ist in ganz Syrien verheerend.

Wer nicht für Assad kämpft, ist Terrorist

Tagtäglich sterben Menschen in Assads Gefängnissen, sie sterben vor den Augen der Weltgemeinschaft. Die Fotos des Militärpolizisten "Cäsar" von den 11.000 Opfern in Assads Gefängnissen sind immer noch aktuell, obwohl inzwischen drei Jahre alt sind. Zivilisten wie Aktivisten, medizinische Helfer und auch Mitglieder der Weißhelme werden nach der Einnahme der letzten Ecke von Aleppo die Zahl der Folteropfer sicherlich noch weiter erhöhen müssen - dies zeigen die Erfahrungen mit anderen gefallenen syrischen Ortschaften. Denn jeder, der nicht hinter dem Regime des Augenarztes Assad steht, ist in deren Augen ein Terrorist - selbst dessen "medizinischen Kollegen", wenn sie Menschen helfen oder geholfen haben, die nicht seine Anhänger sind.

DW-Redakteur Samir Matar stammt aus Syrien

DW-Redakteur Samir Matar stammt aus Syrien

Trotzdem wird von mir verlangt, neutral zu bleiben. Also beide Seiten wertungsfrei darzustellen. Natürlich ist dies richtig im normalen Journalistenalltag. Aber kann und darf man objektiv oder neutral bleiben angesichts der grausamen Verbrechen des Assad-Regimes, welche ganz offenkundig und nachprüfbar vor den Augen der Welt geschehen? Dass uns die Hände gebunden sind - das müssen wir wohl zugeben. Wir müssen zugeben, dass wir diese grausamen Verbrechen nicht verhindern können. Und auch wir müssen den Terror bekämpfen - das ist richtig. Jedoch nicht, indem wir einen anderen Terrorismus unterstützen - dies wäre der größte Fehler, den wir begehen könnten.

Nein, neutral dürfen Journalisten angesichts der Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht bleiben. Nein, wir müssen diese Verbrechen objektiv aufzeigen. Wir dürfen nicht hinnehmen, dass Baschar al-Assad trotz seiner Schandtaten gegen Zivilisten international wieder salonfähig wird. Das ließe unsere Werte unglaubwürdig, ja widersinnig erscheinen. So, wie ich nicht gegenüber einer Vergewaltigung neutral bleiben darf, sondern diese auf das Entschiedenste verurteile, muss ich das Gleiche bei den Verbrechen Assads und des IS, wie auch bei anderem Verbrechen tun. Der aktuelle Populismus kann nicht mit Zugeständnissen bekämpft  werden, sondern allein mit hart erkämpften gesellschaftlichen Werten.

Aleppo ist nicht das Ende des Krieges

Ich frage mich momentan, ob wir eine neue Zeit der modernen Tyrannei erleben. Es widerstrebt mir, dies zu bejahen. Aber wenn wir weiterhin zusehen und tatenlos bleiben, muss ich als Journalist leider ganz neutral sagen: Ja, die freie Weltgemeinschaft hat die Freiheit dieser Zivilisten in Aleppo und Syrien verraten. Nicht nur das: Sie hat ihren Tod billigend in Kauf genommen. Die Rückeroberung von Ost-Aleppo wird nicht, wie oft beschrieben, einen Wendepunkt im Bürgerkrieg darstellen. Sondern sie wird lediglich eine neue Etappe des Mordens des Assad-Regimes und seiner ausländischen Milizen einleiten.

1990 bin ich aus zwei Gründen nach Deutschland gekommen: Zum einen, weil ich nicht in der syrischen Armee und somit Assad - damals noch dem Vater -  und seinen korrupten Generälen dienen wollte. Zum anderen, weil ich meine Meinung frei äußern wollte, ohne dafür verhaftet zu werden.

Wäre ich in Syrien geblieben, so hätte ich - wie viele meiner Schulkameraden -den Reservedienst antreten müssen. Um nicht das eigene Volk zu töten, hätte ich dort längst desertieren müssen und mir hätten sicherlich Folter und der Tod gedroht. Daher kann und will ich angesichts der Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Syrien - egal von wem diese verübt werden - nicht neutral bleiben!

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