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Standpunkt

Kommentar: Suche nach einem Endlager - dauert lange, ist trotzdem richtig so

In ganz Deutschland wird jetzt nach einem Atomendlager gesucht. 14 Jahre lang, obwohl die letzten Meiler bereits in fünf Jahren abgestellt werden. Trotzdem ist der Bundestagsbeschluss ein Meilenstein, meint Jens Thurau.

So eine politische Planung kann man gern bizarr nennen: Der Bundestag hat beschlossen: Deutschland entscheidet bis 2031 (!), wo genau ein unterirdisches Endlager für stark strahlenden Müll aus den Atomkraftwerken gebaut wird. Und 2050, also in sage und schreibe 33 Jahren, soll es in Betrieb gehen. Solche Langfristplanungen gibt es sonst nur im Internationalen Klimaschutz. Und früher im Sozialismus. Aber damit soll es dann auch gut sein mit der Lästerei.

Lösung nach jahrzehntelangem Streit

Denn der Beschluss ist ein weiterer Meilenstein der Deutschen beim Ausstieg aus der Kernenergie. Und bei der Befriedung eines lange höchst umstrittenen Themas, das für endlosen Streit über viele Jahrzehnte hinweg sorgte. Kaum ein Thema hat in den 1970er- und 1980er-Jahren für soviel Zündstoff in Deutschland gesorgt wie die Frage, ob man für oder die Kernenergie war. Eltern lagen mit ihren Kindern darüber im erbitterten Streit, Politiker mit Wirtschaftsbossen. Ein Streit, der erst 2011 beendet wurde, als Angela Merkel nach dem GAU im japanischen Fukushima den Ausstieg verkündete.

Thurau Jens Kommentarbild App

DW-Korrespondent Jens Thurau

14 Jahre für die Suche nach einem Ort

In den nächsten 14 Jahren soll jetzt an mehreren Orten nach einem Endlagerstandort gesucht werden. Streng nach wissenschaftlichen Kriterien, mit möglichst breiter Beteiligung der Bevölkerung. Denn das ist ja jetzt schon klar: Begeistert wird keine Region, keine Gemeinde sein, wenn in ihrem Untergrund der radioaktive Müll aus den früher über 20 deutschen Kernkraftwerken für „eine Million Jahre" vergraben wird. Deshalb (und das wissen alle Verantwortlichen) steht am Ende doch wieder eine politische Entscheidung, mit der man sich kaum Freunde macht. Gut daher, dass außer der Linken im Bundestag alle Parteien dem neuen Suchgesetz zugestimmt haben. Je breiter der Konsens, je größer die Beteiligung der Menschen im Land, desto weniger Streit. 

Wo man auch steht: Das Land braucht ein Endlager

Das wichtigste Signal aber ist ein anderes. Ein für alle mal erkennt Deutschland an - egal, ob man einmal für die Kernenergie war oder immer schon dagegen: Jetzt, wo der Konsens da ist, auszusteigen aus der Kernenergie und auf erneuerbare Energien zu setzen, spätestens jetzt braucht das Land ein solches Lager. Weil man verantwortlich nur auf eigenem Terrain mit dem Müll umgehen kann. Weil eine Entsorgung im Ausland ein Armutszeugnis wäre. Oder noch viel schlimmer: Das Versenken im Meer, was früher durchaus geschehen ist.

Ein weltweit kaum gelöstes Problem

Nirgendwo auf der Welt gibt es bisher ein genehmigtes und in Betrieb genommenes Endlager für hoch radioaktiven Müll. Am Weitesten sind Länder wie Finnland und Schweden, in denen die Standorte schon feststehen und in denen (Finnland) auch schon gebaut wird. In 31 Ländern weltweit werden rund 450 Atomkraftwerke betrieben - aber die Frage, wohin mit dem Müll, ist stets höchst stiefmütterlich behandelt worden. Klar: Die Entsorgung ist teuer, die Entscheidung für einen Ort unpopulär. Die Folge ist, dass die strahlende Hinterlassenschaft oft an den Standorten der Kraftwerke zwischengelagert wird. Oberirdisch, über viele Jahrzehnte. Die schlechteste aller Lösungen.

Finnisches Atom-Endlager Onkalo (picture-alliance/dpa/J. Partanen)

Finnland baut sein eigenes Atomendlager in Onkalo

Lange Jahrzehnte schlicht verdrängt

Vor 63 Jahren wurde das erste Kernkraftwerk in Russland in Betrieb benommen. Dass dabei höchst gefährlicher Müll entsteht, war zwar von Anfang an klar, wurde aber großflächig verdrängt. In Russland und überall auf der Welt. Auch in Deutschland, wo der kleine Ort Gorleben an der Grenze zur früheren DDR in den 1970er-Jahren zunächst klammheimlich als Lagerort ausgeguckt wurde. Aus politischen Gründen, nicht aus wissenschaftlichen. Der wurde dann zum Symbol für den Kampf gegen die Kernenergie. Die pragmatische Suche nach einem wirklich geeigneten Standort wurde auch dadurch über Jahrzehnte verzögert.

So gesehen: 14 Jahre sind nicht viel

Wenn jetzt wirklich sorgfältig und genau erforscht werden soll, welcher Ort, welches Gestein sich am besten eignet, dann sind 14 Jahre bis 2031 gar nicht einmal viel. Und noch einmal 20 Jahre bis zum Betrieb auch nicht, wenn man bedenkt, wie anspruchsvoll die Technik sein muss. Und dass die Ingenieure in vielen Aspekten Neuland betreten.

Und deshalb ist der Beschluss des Bundestages, der so bizarr anmutet, eigentlich ein gutes Stück pragmatischer Lösung. Und der Beweis, dass die Politik noch in der Lage ist, auch komplexe Probleme zu lösen - auch nach jahrelangem Streit.

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