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Kommentare

Kommentar: Streiken? Ja, bitte!

Deutschlands Arbeitnehmer werden renitent. Nie zuvor tobten so viele Arbeitskämpfe verschiedener Branchen. Ausgetestet wird die Belastbarkeit der deutschen Sozialpartnerschaft. Gut so, meint Volker Wagener.

Alle Räder stehen still, wenn es Herr Weselsky will. Und der Chef der Lokführergewerkschaft will. Zum neunten Mal in zehn Monaten. Diesmal soll der Ausstand sogar noch länger dauern als beim letzten Mal. Da waren es sechs Tage. Es hat schon fast etwas Sportliches, so verbissen, wie systemwichtige Dienstleistungsbereiche derzeit mit ihren Arbeitgebern und der öffentlichen Meinung ringen. Briefträger, Piloten, Erzieherinnen, Lokführer – sie alle sind begehrlich geworden. Es geht nur indirekt um mehr Geld. Es geht um Anerkennung, die Verteidigung von Privilegien und – wie im Bahnkonflikt: um Alleinvertretungsansprüche. Das sind, verglichen mit früheren Arbeitskämpfen, völlig neue Aspekte.

Die inoffizielle Jury, die öffentliche Meinung, ist tief gespalten über die für Deutschland so untypischen Vorgänge. 350.000 Ausfalltage bis Mitte Mai. Das sind schon jetzt mehr als doppelt so viele wie im gesamten Jahr 2014. "Italienische Verhältnisse" im Land des "Made in Germany", das lässt aufhorchen. Es geht ums Rechthaben, nicht um schnöde Prozente und die Zahlen hinter dem Komma. Und das ist die Stunde der Durchsetzer. Claus Weselsky ist so einer. Wer nun wegen ihm seine Bahnreise über Pfingsten absagen muss, wird ihn nicht mögen. Doch der starke Chef einer kleinen Gewerkschaft genießt inzwischen durchaus Heldenstatus. Und das, obwohl Deutschlands Massenblatt Nummer eins, die Bild-Zeitung, den Anwalt des braven Bahnkunden mimt und mächtig Stimmung macht gegen den Bremser an der Bahnsteigkante.

Die neue Härte

Weselsky bringt eine selten praktizierte Härte in den Lokführerstreik. Eine, die den sozial Frustrierten unter den Beobachtern gefällt. Ja, auch die Piloten, Briefträger und Erzieher haben wie die Lokführer das Grundsätzliche entdeckt. Sie alle wollen die ewigen Ausreden und Abwehrargumente der privaten wie staatlichen Arbeitgeber nicht mehr hören, wenn es um ihre Forderungen geht.

Wagener Volker Kommentarbild App

DW-Redakteur Volker Wagener

Die neue deutsche Lust am Streik hat ihre Wurzeln in den Arbeitsplatz-Erfahrungen der vergangenen Jahre. Arbeitsverdichtung, Sparrunden, die als Reformen verkauft wurden, Entlassungen nach sogenannten synergetischen Korrekturen und das gepaart mit Verweisen auf die angespannte Finanzlage der Arbeitgeber, das alles hat die disziplinierten und arbeitswilligen deutschen Arbeitnehmer über die Jahre aufsässig gemacht. Zu recht. In genau den Jahren, in denen Aktiengewinne und Vermögen um ein Vielfaches gestiegen sind, wird von Arbeitgeberseite Lohnzurückhaltung gefordert. Konsumieren soll er aber doch, der brave deutsche Arbeitnehmer, während gleichzeitig seine Altersvorsorge kollabiert. Hier stimmt etwas nicht. Zeit zum Nachjustieren.

Der Streik als Stresstest

Wer fragt vor diesem Hintergrund eigentlich nach der Verantwortung der Bahn AG gegenüber Millionen ihrer Kunden? Und sind Erzieherinnen egoistische Zeitgenossinnen, die unsere Kinder in Geiselhaft nehmen, nur weil sie die Paradoxie, "sich kümmern um die Wertvollsten, die wir haben - aber bitte so billig wie möglich", geraderücken wollen? Dem Wort Streik haftet im Deutschen immer noch ein Unterton an. Es klingt nach "macht man nicht!" Wieso eigentlich?

Berühmt und zur Nachahmung empfohlen ist die seit Langem gepflegte deutsche Sozialpartnerschaft der Tarifparteien. Diese wird gerade in vielen Branchen auf ihre Dehnbarkeit getestet. Der Streik als Stresstest der Arbeitswelt ist ein Gütezeichen der Gesellschaft und mitnichten ein Chaos. Deutschland wird definitiv kein Dauer-Streikland werden, wie es Großbritannien in der frühen Thatcher-Zeit war. Ein bisschen mehr Arbeitskampf als sonst ist kein neuer Klassenkampf, sondern lediglich Ausdruck gestiegener Unzufriedenheit derer, die beim Wachsen und Gedeihen Deutschlands nicht angemessen beteiligt wurden. Es gibt einfach Nachholbedarf.

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