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Standpunkt

Kommentar: Ströbele - Wenn selbst Konservative einem Alt-Linken nachtrauern

Grünen-Politiker Ströbele kandidiert nicht mehr für den Deutschen Bundestag. Bis zuletzt wollten auch andere Parteien ihn zum Weitermachen überreden. Dass er abgelehnt hat, ist typisch für ihn, meint Marcel Fürstenau.

Einen wie ihn wollte das bürgerliche Lager eigentlich nie im Deutschen Bundestag sehen. Schon wegen des äußeren Erscheinungsbildes - keine Krawatte, stattdessen ein roter (!) Schal. Und dann erst seine Ansichten: links. Ein Alt-68er, Verteidiger von RAF-Terroristen. Und doch müssen sie ihn seit 1998 - anfangs noch in Bonn - ertragen: Hans-Christian Ströbele. Sein später zur SPD gewechselte Parteifreund Otto Schily, der mal mit dem Kommunismus kokettierte, nennt ihn heute einen "Altersradikalen". Der 77-Jährige wird das als Ehrenbezeichnung auffassen. Stören würde er sich eher an einer Vokabel wie "altersmilde". Sie wäre auch unpassend, weil Ströbeles hervorstechende Attitüde das Kämpferische ist.

Nach dann fast 20 Jahren wird Ströbele dem 2017 zu wählenden Bundestag nicht mehr angehören, wie er vor wenigen Tagen bekannt gab. Mit ihm verlässt ein selten gewordener Vollblutpolitiker die wichtigste politische Bühne des Landes. Jemand, dem persönliche Überzeugungen wichtiger sind als gesellschaftlicher Zeitgeist. Viele seiner früheren Weggefährten schämen sich heutzutage fast für ihre einstige Geisteshaltung, die geprägt war von der Aufbruchstimmung vor bald 50 Jahren. Schily ist nur einer von ihnen.

Otto Schilys Spott wird Ströbele als Lob auffassen

Der zum Law-and-Order-Apologeten mutierte Ex-Innenminister verspottet seinen Anwaltskollegen Ströbele inzwischen als "Fundamentalisten mit aberwitzigen politischen Positionen". Damit hat Schily teilweise sogar recht, denn ein fundamentaler Demokrat ist Ströbele allemal. Mehr von seinem Schlage täten der repräsentativen Demokratie mitunter gut. Wer gegen eine deutsche Kriegsbeteiligung im damaligen Jugoslawien ist oder den Militär-Einsatz in Afghanistan, folgt seinem Gewissen.

Kommentarfoto Marcel Fürstenau Hauptstadtstudio (DW/S. Eichberg)

DW-Hauptstadtkorrespondent Marcel Fürstenau

Andere opfern es zuweilen der Parteiräson oder dem Machterhalt - gerade auch bei den Grünen. Sonst wäre die erstmals 1998 installierte rot-grüne Koalition unter SPD-Kanzler Gerhard Schröder und dem Grünen-Außenminister Joschka Fischer bereits früher als 2005 zu Ende gegangen. Politische Zweckbündnisse sind schon an unwichtigeren Fragen gescheitert, als an Krieg und Frieden. Und die politische Karriere eines Grünen ist normalerweise zu Ende, wenn ihm seine Partei einen aussichtsreichen Listenplatz für die Bundestagswahl verwehrt. So geschehen 2002 - doch Ströbele blieb dem Parlament erhalten.

Viermal schaffte er das vermeintlich Unmögliche: als Grüner einen Wahlkreis direkt zu gewinnen. Die Menschen wählten vor allem Ströbele, erst in zweiter Linie grün. Mit diesem Vertrauensbeweis der Basis wurde der in Halle an der Saale geborene Wahlberliner endgültig zum Sinnbild des in jeder Hinsicht unabhängigen Abgeordneten. Das machte es Ströbele noch leichter, einen ihm ohnehin wesensfremden Begriff wie "Fraktionsdisziplin" souverän zu ignorieren.

Wegen der AfD opfert Ströbele nicht seine Überzeugungen

In den Augen der politischen Konkurrenz, aber auch in den eigenen Reihen war der Mitbegründer der ursprünglich mal radikal linken "tageszeitung" oft ein Störenfried. Noch so ein Etikett, das mehr über den Opportunismus und die Feigheit der Anderen sagt, als über Ströbeles Gradlinigkeit. Die war auch nötig, um dem Liebeswerben des gesamten politischen Establishments zu widerstehen. Denn parteiübergreifend hätten sich plötzlich Viele gefreut, wenn der prinzipientreue Grüne noch einmal angetreten wäre: um Alexander Gauland als Alterspräsident des nächsten Bundestages zu verhindern.

Dem 75-Jährigen stünde im Falle des allgemein erwarteten Einzugs der Alternative für Deutschland (AfD) die Eröffnungsrede im neu gewählten Parlament zu. Es sei denn, eine Partei nominiert noch ältere aussichtsreiche Kandidaten. Ströbele wäre als Alterspräsident die ideale Besetzung gewesen. Welch hübsche Pointe, wie deswegen sogar eingefleischte Konservative bis zuletzt auf eine neuerliche Kandidatur Ströbeles gehofft haben. Einen Politiker, den manche von ihnen - zumindest vorübergehend - als Staatsfeind betrachtet haben. Fehlt nur noch, dass ihn jemand an seine patriotische Pflicht erinnert. Ströbele hat sie auch dieses Mal enttäuscht. So schön und aufrichtig kann Demokratie sein!        

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