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Kommentar: Späte Sühne

Ein 93-Jähriger steht vor Gericht. Er wird zur Rechenschaft gezogen für Taten, die mehr als 70 Jahre zurückliegen. Aber Auschwitz ist ein Symbol - und symbolisch wichtig ist auch dieser Prozess, meint Felix Steiner.

"Der Buchhalter von Auschwitz" wird Oskar Gröning in den deutschen Medien genannt. Mit Verlaub: Dieser Titel ist Unsinn! Wenn Oskar Gröning wirklich der Buchhalter von Auschwitz gewesen wäre, könnte man ihm in gewisser Weise sogar dankbar sein. Denn nur der Akribie der Buchhalter von Auschwitz verdanken wir das Wissen um die gigantische Dimension des fabrikmäßigen Mordes an den Juden Europas.

Passender wäre wohl eher die Bezeichnung "Der Kofferträger von Auschwitz". Denn eine der Aufgaben von Oskar Gröning war es, die auf der Rampe abgestellten Gepäckstücke derer wegzuräumen, die nach ihrer Ankunft in Auschwitz direkt in die Gaskammern getrieben wurden.

Nur wenige Täter aus Auschwitz vor Gericht

"Kofferträger", so nennt man noch heute in Unternehmen diejenigen, die nichts entscheiden, sondern nur die Aufträge anderer willfährig umsetzen. Genau so einer war Oskar Gröning, der Obergefreite, der zum Unteroffizier aufstieg, in der Vernichtungsmaschine von Auschwitz. Nach allem, was man weiß, war er keiner, der direkt am Morden beteiligt war, der jemanden erschossen, erschlagen oder Zyklon B in die Schächte der Gaskammern geworfen hätte. Ein solcher Vorwurf wird in der 85-seitigen Anklageschrift der Staatsanwaltschaft auch nicht erhoben. Aber Oskar Gröning war als SS-Mann in Auschwitz. So wie rund 7000 andere Deutsche, von denen keine 100 überhaupt je vor Gericht standen.

Oskar Gröning hat aus seiner Vergangenheit kein Geheimnis gemacht. Er hat als Zeuge vor Gericht gegen einen Mörder im KZ Auschwitz ausgesagt. Er hat vor Jahren schon ausführliche Interviews gegeben über seine Zeit im Vernichtungslager - dem deutschen "Spiegel" genauso wie der britischen BBC. Er war weder auf der Flucht noch hat er sich versteckt, sondern in den vergangenen fast 70 Jahren ein ganz normales Leben in Deutschland geführt.

Steiner Felix Kommentarbild App

DW-Redakteur Felix Steiner

Warum also jetzt der Prozess gegen den Mann von fast 94 Jahren? Die Antwort sagt mehr aus über die deutsche Justiz nach 1945 als über die Täter von damals: Jahrzehntelang wurden vor Gericht nur diejenigen gestellt, denen man persönlich Mord nachweisen konnte. Auch gegen Oskar Gröning wurde lange ermittelt, das Verfahren mangels eines Tatvorwurfs aber schon vor 30 Jahren wieder eingestellt. Erst vor vier Jahren, mit dem Prozess gegen den SS-Wachmann John Demjanjuk aus dem Vernichtungslager Sobibor, änderte sich die Sichtweise der deutschen Richter: Seit diesem Urteil kann jeder, der zu den Lagermannschaften gehörte, der Beihilfe zum Mord angeklagt werden - selbst wenn er dort nur Koch war. Und so wurde der Kreis derer, nach denen man zu suchen begann, wieder deutlich erweitert. Jetzt - wo kaum noch einer der Beteiligten lebt, und die wenigen, die noch übrig sind, schon 90 Jahre oder älter sind.

Symbolische Bedeutung des Verfahrens

Der Prozess zu diesem Zeitpunkt hat deswegen vor allem symbolische Bedeutung. Zum einen für die deutsche Justiz selbst: Mit einem Urteil gegen Oskar Gröning setzt sich eine neue Generation Richter ab von der mehr als fragwürdigen Tradition ihrer Vorgänger. Symbolische Bedeutung hat das Verfahren aber auch für Oskar Gröning: Wenn er, wie er selbst sagt, schon seit Jahrzehnten unter dem Geschehenen leidet, regelmäßig Albträume hat, dann kann ein offenes Bekenntnis, ein Einräumen seiner Schuld, ein Zeichen der Reue und die Bitte um Vergebung auch ihm helfen. Anders als andere greise Angeklagte versteckt er sich nicht hinter Gutachten über seinen Gesundheitszustand und versucht sich dem Gericht zu entziehen. Stattdessen hat er genau diese Chance bereits am ersten Prozesstag genutzt, die ein offenes Bekenntnis ihm bietet. Dafür gebührt ihm Anerkennung. Und man wünscht sich, dass diese Botschaft vor allem bei jenen ankommt, die Hitler bis heute für einen großen Deutschen halten.

Und nicht zuletzt ist dieser späte Prozess wichtig für die ebenfalls greisen Überlebenden von Auschwitz: Mehrere von ihnen sind aus aller Welt nach Lüneburg angereist, um ein vermutlich letztes Mal zu Protokoll zu geben, was ihnen angetan wurde. Und um ihren Schmerz, der auch nach 70 Jahren noch nicht vergangen ist, noch einmal öffentlich, im Angesicht eines Täters, zum Ausdruck zu bringen.

Das Urteil, das in drei Monaten gesprochen werden soll, ist bei alledem fast zweitrangig. Das moralische Urteil über die Täter und Helfer des Völkermords steht ohnehin längst fest. Und wenn Oskar Gröning nun auch strafrechtlich belangt wird: Dass er noch ins Gefängnis muss, ist angesichts seines Alters eher unwahrscheinlich. Denn "im Namen des Volkes" ist das heutige Deutschland, anders als der Nationalsozialismus, sehr gnädig.

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