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Politik

Kommentar: So viel zum "sicheren" Masar-i Scharif

Erstmals sind nicht Soldaten, sondern deutsche Diplomaten direkt ins Visier der Taliban geraten - möglicherweise durch fatale Informationen der Militärs. Das ist eine Zäsur, meint Florian Weigand.

Warum die Deutschen, und warum Diplomaten, also Zivilisten, und keine Militärs? Diese drängende Frage haben am Morgen nach dem Anschlag auf das Generalkonsulat in Masar-i Scharif die Taliban selbst beantwortet: Der Angriff der US-Luftwaffe auf ein Dorf in der Nähe von Kundus Anfang November, bei dem über 30 Zivilisten ums Leben kamen, sei der Grund gewesen. Denn obwohl amerikanische Flugzeuge die Bomben abgeworfen haben, hätten sie Ihr Ziel mit "Informationen der deutschen Truppen" gefunden, sagte ein Sprecher der Islamisten.

Das kann natürlich reine Propaganda sein. Wenn es aber stimmt, was die Taliban behaupten, könnte das durchaus eine Diskussion in Deutschland auslösen. Schon einmal hatten deutsche Soldaten Informationen an die US-Truppen geschickt - mit ähnlich fatalen Folgen. Im September 2009 rief der Bundeswehr-Oberst Georg Klein amerikanische Flieger herbei, um einen Tanklaster zu bombardieren, den die Taliban gekapert hatten. Um den Laster hatten sich afghanische Dorfbewohner versammelt. Bis zu hundert Zivilisten starben, Männer, Frauen, Kinder. 

Der Angriff vor wenigen Tagen auf ein anderes Dorf in der Nähe von Kundus unterscheidet sich in vielen Dingen. Offenbar hatten sich die Taliban in den Häusern verschanzt, möglicherweise die Bevölkerung als menschliche Schutzschilde missbraucht. Aber auch hier starben 30 Menschen - darunter wieder Frauen und Kinder, das jüngste wenige Monate alt. 

Weigand Florian Kommentarbild App

Florian Weigand ist Leiter der DW-Afghanistan-Redaktion

 

Diplomaten als Kombattanten

Ob diese wichtigen, aber feinen Unterschiede im öffentlichen Diskurs eine Rolle spielen werden, bleibt abzuwarten, zumal nun zum ersten Mal nicht Soldaten, sondern deutsche Zivilisten direkt betroffen sind. Die Taliban hatten für ihren Racheakt gezielt eine deutsche diplomatische Vertretung ausgesucht. Zwar war schon einmal, im Januar 2009, eine Bombe vor der Botschaft in Kabul gezündet worden. Es ist aber bis heute nicht geklärt, ob der Anschlag nicht doch einer US-Liegenschaft gegenüber galt.

Festzuhalten bleibt, dass die oft beschworene Unterscheidung zwischen ausländischen Soldaten als Ziel der Taliban und ausländischen Zivilisten, die verschont bleiben, nicht mehr gilt. Diplomaten gelten als Regierungsvertreter eines Nato-Staats nun offenbar ebenfalls als Kombattanten. Nur durch den mutigen Einsatz von Wachleuten und Militär - und viel Glück - kam kein Diplomat zu Schaden. 

Auch das wirft neue Fragen auf. Berlin wird überlegen müssen, wie der Einsatz weitergeführt werden kann. Wer kann schon ausschließen, dass morgen nicht auch deutsche staatliche Entwicklungshilfe-Organisationen ins Visier geraten?

Und eine letzte Fragen wird neu gestellt werden: Masar galt bisher als eines der sichersten Gebiete in Afghanistan und als ein Ort, an den afghanische Flüchtlinge, die nicht mehr in Deutschland bleiben dürfen, zurückgeführt werden können. Deutschland hat viel getan, damit die Stadt lebenswert wird. Krankenhäuser und Schulen wurden gebaut, die Zusammenarbeit mit dem örtlichen Gouverneur ist exzellent, in einem Feldlager am Flughafen sind nach wie vor deutsche Soldaten stationiert. 

Die Opfer des gestrigen Anschlags waren Afghanen. Bis zu hundert Unbeteiligte erlitten Verletzungen durch herumfliegende Splitter. Ihr Pech war, dass sie auf einer belebten Straße im Zentrum der Stadt unterwegs waren. Wenn aber schon der Aufenthalt im Schatten einer deutschen Vertretung lebensgefährlich ist, was gilt dann noch als sicher?

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