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Kommentare

Kommentar: Snapchat und andere Soziale Medien sollten Gewinne mit ihren Nutzern teilen

Snapchat soll 24 Milliarden Dollar wert sein, verdient das Geld aber gar nicht selbst. Was für alle Sozialen Medien gilt, die von den Inhalten ihrer Nutzer abhängig sind. Zahlt es denen zurück, fordert Zulfikar Abbany.

Um fair zu bleiben (Muss ich das wirklich?), sollte ich sagen: Niemand wird gezwungen, Snapchat oder irgendeinen anderen Social-Media-"Dienst" zu nutzen. Wer es tut, macht das aus freien Stücken - mit der Ausnahme vielleicht, dass es einen gewissen Druck von Freunden, Bekannten oder Kollegen gibt, die erwarten, dass man ebenfalls dort zu finden ist, wo ohnehin alle sind.

Und damit ist der "freie Wille" natürlich nicht mehr messbar. Nirgendwo ist dieser gesellschaftliche Druck so tückisch wie bei den Sozialen Medien - er ist ins System eingebaut.

Dabei sein, weil alle dabei sind

Damit Hand in Hand geht ein Wettlauf um Zahlen: Wie viele Menschen folgen Dir? Wie oft werden Deine Bilder und Kommentare geteilt? Und dann gibt es einen umgekehrten Snob-Effekt: Bloß nicht zu vielen Freunden folgen!

Man macht es genauso wie die Freunde und Familie und - wie es scheint - die ganze Gesellschaft. Wer will da ein Außenseiter sein? Wer will etwas wichtiges verpassen oder als Maschinenstürmer gebrandmarkt werden? Bloß nicht! Diese Furcht - und es ist eine irrationale Furcht! - hat sich in unser Leben eingeschlichen. Auch in das von sogenannten Profis: Journalisten, Ärzten und Politikern.

Abbany Zulfikar Kommentarbild App

DW Wissenschafts-Redakteur Zulfikar Abbany

Die Sozialen Medien machen uns zu modernen Sklaven. Und wir zahlen dafür - vielleicht nicht mit Blut und Schweiß, aber oft genug mit Scham, Zeit, Aufregung, dem Opfern unserer Privatsphäre, dem Ertragen von Hasskommentaren und in manchen Fällen durch Selbstmord.

Was bekommen Evan Spiegel und Robert Murphy von Snapchat - oder Jack Dorsey von Twitter? Milliarden von scheinbarem Geld - Fake-Money. Ihre Unternehmungen erwirtschaften in Wirklichkeit Verluste. Sie haben eine Blase geschaffen. Und zwar nicht nur eine kommunikative Filterblase, in der sich ihre Nutzer befinden, sondern eine neue wirtschaftliche Blase, die für meine laienhaften Augen noch bedrohlicher aussieht als die Immobilien-Blase, die vor zehn Jahren die globale Finanzkrise auslöste.

Die Sklaverei der heutigen Zeit

Nun mag man einwenden, dass der Vergleich Sozialer Medien mit der Sklaverei, den echten Sklaven Unrecht tut - den historischen und auch denen, die es heute noch auf der Welt gibt. Aber zumindest versklaven uns die Sozialen Medien psychologisch - und am meisten noch die Kinder. Dabei ist Kinder-Sklaverei doch die schlimmste Form der Sklaverei: Sie sind diejenigen, die sich am wenigsten verteidigen können.

Plattformen für Soziale Medien haben eine gewisse Ähnlichkeit mit den Schwarzen Brettern aus der frühen Phase von Email und Internet. Aber diese Bulletin-Boards waren weniger sichtbar, wurden von denjenigen bevölkert, die die Technologie vorangebracht haben (auch wenn es damals schon Trolle gab) und Nutzer waren selbst die Besitzer - wenn nicht in der physikalischen Realität, so doch faktisch.

Dagegen wirken die heutigen Sozialen Medien eher wie Jet-Skis - Wassermotorräder - am Strand: unnötiger, angeberischer Missbrauch einer ansonsten nützlichen Technologie, laut, nervig und umweltschädlich.

Ich akzeptiere das Argument nicht, dass die Sozialen Medien Kommunikation "einfacher" machen, oder "effizienter". In Wirklichkeit sehe ich Zombies durch unsere Straßen laufen oder fahren - gefangen in ihren sehr wirklichen Filter-Blasen. Sie hinterlassen eine Spur von Verkehrsunfällen, während sie jede Menge Cash generieren - für ein einziges, ungerechtfertigt geheimniskrämerisches Prozent der Bevölkerung.

Ihr seid keine Nutzer, Ihr werdet benutzt!

Meine Verärgerung geht tiefer als das, was ein paar Jet-Skis anrichten können. Ich habe Soziale Medien lange als so etwas wie Tiefsee-Trawler betrachtet: Wie vom Boden des Ozeans kratzen sie vom Grunde unserer Herzen und unseres Verstandes alle möglichen Klagelieder ab. Vieles davon ist nicht mal als Futter für Garnelen geeignet.

Am schlimmsten ist: Das, was sie fischen, betrachten sie als ihr Eigentum - kostenfrei und ohne ausreichende Regulierung. Sie können es nutzen oder wegwerfen - ganz wie es ihnen beliebt.

Habt Ihr schon mal darüber nachgedacht, was mit "Euren" Nutzer-generierten Inhalten passiert, wenn die Social-Media-Gründer die Lust verlieren und weiterziehen, oder wenn die Plattform einfach stirbt? Am Ende nehmen die Sozialen Medien Eure Würde und Euer Geld mit.

Lasst Euch nicht für dumm verkaufen. Ihr seid keine Nutzer, sondern Ihr werdet benutzt. Ich bin nicht der Erste, der das sagt. Als Startlektüre empfehle ich Andrew Keen: "The Internet is not the Answer", oder auf Deutsch: "Das digitale Debakel".

Allerdings gibt es auch eine Lösung, die bereits mit der Teilbarkeit (shareability) der Sozialen Medien vorgesehen ist: Die falschen Götter von Silicon Valley sollten die Gewinne aus der Sklavenarbeit mit denen teilen, die helfen, sie zu erwirtschaften. Ich sage: #paymesnap! #paymeTwitter!

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