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Standpunkt

Kommentar: Silicon Valley Berlin? Bitte nicht!

Cupertino, Mountain View, Prenzlauer Berg? Nein danke, meint Amien Essif. Das Silicon Valley taugt nicht zum Vorbild. Die deutsche Hauptstadt zeichnen ganz andere Dinge aus, die sie attraktiv für Start-ups machen.

"Dear start-ups, keep calm and move to Berlin" - mit diesem Spruch sorgte die FDP im vergangenen Jahr kurz nach dem Brexit für Aufmerksamkeit. Und für einige Lacher in Londons Bankenviertel, durch das die Freien Demokraten den Spruch auf einem weißen Lieferwagen spazieren fahren ließen.

Die Freien Demokraten, neuerdings nach vierjähriger Pause wieder im Bundestag vertreten, gehörten zu der seltsamen Sorte von Deutschen, die hoffen, das Berliner Urstromtal in ein Silicon Valley nach kalifornischem Vorbild zu verwandeln.

Die Vororte San Franciscos, in denen die Großen der Tech-Branche ihre Hauptquartiere haben, gelten diesen Menschen als Insel Utopia. Als wunderbarer Spielplatz, auf dem sich Unternehmer tummeln; als Garten, in dem Startups aufblühen im warmen Regen des Wagniskapitals. Und Berlin, mit seiner wachsenden Tech-Szene, soll nun der ideale Ort sein, die kalifornische Utopie nach Europa zu bringen.

Denken, please

Klar, der FDP-Spruch war Werbegag einer Partei, die um Aufmerksamkeit buhlte. Aber das ist ja nicht alles: Das Wirtschaftsministerium investiert mit seiner "Digital Hub Initiative" in Infrastruktur für junge Technologieunternehmen, besonders in Berlin. Erklärtes Vorbild: das Silicon Valley.

Ein anderer Slogan der FDP spricht Bände: "Digital first, Bedenken second". Wenn man nämlich mal anfangen würde, die Folgen zu bedenken, dann käme eine Technikmetropole nach US-Vorbild als Wunschziel für Berlin überhaupt nicht in Frage.

Wohnungen: unbezahlbar

Denn das Silicon Valley mag vielleicht reich an Kapital sein, aber dieser Reichtum hat nicht dazu geführt, dass es der Mehrheit der Menschen, die dort leben, wirklich besser geht. Das Durchschnittseinkommen eines IT-Spezialisten bei Google, Facebook, Microsoft oder Apple liegt zwar bei 10.000 US-Dollar monatlich. Und eine Zweizimmerwohnung in San Francisco? Kostet im Schnitt 4500 US-Dollar Monatsmiete.

Sprich: Jeder, der nicht weit oben auf den Gehaltslisten der Technik-Giganten steht, hat Schwierigkeiten, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Man kann natürlich wegziehen, in den Mittleren Westen etwa. Aber wo bitte sollen diejenigen wohnen, die den IT-Spezialisten den Latte Macchiato brühen und ihre überteuerten Apartments putzen?

Silizium kommt, Minderheiten gehen

Ich weiß, 10.000 Dollar monatlich klingen wirklich verlockend. Wir träumen eher davon, der IT-Spezialist mit dem Cappuccino in der Hand zu sein als die Servicekraft, die die geschäumte Milch auf den Espresso gegossen hat. Aber auch IT-Firmen schaffen nicht nur hochdotierte Spitzenjobs. Als ungelernter Wachmann kann man sich auch bei Google über nicht mehr als 2000 Dollar im Monat freuen.

DW Volontärsjahrgang 2016-2018 Amien Essif (DW/P. Böll)

DW-Autor Amien Essif - US-Amerikaner, der in Berlin lebt

Als Frau muss man sich ebenfalls keine Illusionen machen: Zwei Drittel der Apple-IT'ler sind Männer, und das ist für das Silicon Valley nicht mal ein schlechter Wert. Bei Twitter ist nur gut eine von zehn Tech-Kräften weiblich. Ungleichheit im Silicon Valley - das gilt auch für Minderheiten. Nur einer von hundert IT-Spezialisten der großen Firmen dort ist Afroamerikaner. Gut gebildete weiße und asiatische US-Amerikaner männlichen Geschlechts ziehen nach San Francisco, alle anderen ziehen weg.

Weniger Geld, mehr vom Leben

Berlin dagegen ist Zufluchtsort auch für diejenigen, die gar keinen Job haben. Dank mieterfreundlicher Gesetze gehen in Deutschlands Hauptstadt im Schnitt nur 30 Prozent des Einkommens für die Miete drauf. Dank ordentlicher Steuereinnahmen kann der Staat dafür öffentlichen Nahverkehr in Weltklasse-Qualität anbieten und Top-Universitäten lassen sich hier auch ohne horrende Studiengebühren besuchen. Insgesamt kann man wohl sagen, dass man mit wenig Geld in Berlin sein Leben besser genießen kann als in San Francisco.

Für Wirtschaftsliberale ist es vermutlich ein Horror, dass Berlin wenig Softwarebastler anzieht und dafür viel Bohème. Aber sie sollten nicht denken, dass sich das eine und das andere ausschließen. Pascal Blum, einer der Gründer von Unu, einem erfolgreichen Elektroroller-Hersteller, hat sein Startup 2015 von München nach Berlin verlegt. "Weil es einfach die coolere Stadt ist", sagt er. Ein wichtiger Faktor, wenn man Talente aus aller Welt zu seiner Firma locken möchte.

Berlin ist halt Berlin, und darauf sollte die Stadt stolz sein. Kreative Menschen tun kreative Dinge in der deutschen Hauptstadt. Manche behaupten, dass hier alle 20 Minuten ein Startup aus dem Boden wächst. Aber das liegt nicht daran, dass Berlin dem Silicon Valley ähnelt. Sondern daran, dass es ganz anders ist.

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